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Alien oder Superheldin? Vanilla (Maria Dragus, li.) und Tiger (Ella Rumpf) nehmen sich, was sie wollen. 

Zum Kinostart von „Tiger Girl“

Die Schöne und das Biest

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München - Nach dem Erfolg seines Films „Love Steaks“ erzählt Regisseur Jakob Lass mit seinen Hauptdarstellerinnen Maria Dragus und Ella Rumpf in „Tiger Girl“ ein brutales Großstadt-Märchen. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Und plötzlich steht die Welt kopf. Als Maggie entscheidet, nicht mehr das „Mädchen-Mädchen“ sein zu wollen, nicht mehr die junge Frau, die immer zurücksteckt, die „Bitte“, „Danke“ und vor allem „Entschuldigung“ sagt. Als Maggie sich also endlich dazu entschließt, den Baseballschläger aufzuheben, der ihr da mehr oder weniger zufällig vor die Füße gerollt ist, und sich zu wehren gegen die penetranten Grapscher, die sie am U-Bahnsteig demütigen – da ändert sie ihr Leben derart radikal, dass Timon Schäppis Kamera gar nicht anders kann, als diese Wende mitzumachen. Das Bild, die Szenerie, die Frau – alles ist für einen Moment um 180 Grad gedreht. Hier beginnt die Verwandlung von der netten Maggie in „Vanilla, the Killer“.

„Love Steaks“ rockte das Münchner Filmfest

Die Geschichte dieser Metamorphose erzählt Jakob Lass in seinem Drama „Tiger Girl“. Der 1981 in München geborene Regisseur hat 2014 „Love Steaks“ in die Kinos gebracht und den oft so biederen deutschen Film mit wilder Kreativität, Wagemut und einer unbändigen Lust auf ungewöhnliche Erzählformen herausgefordert. Beim Münchner Filmfest gab es dafür völlig zu Recht den Förderpreis Neues Deutsches Kino in allen vier Kategorien: Regie, Schauspiel, Produktion und Drehbuch – obwohl „Love Steaks“ gar keine festgeschriebenen Dialoge kannte. Auch bei „Tiger Girl“ gibt es kein Skript im eigentlichen Sinn.

Eines ist jedoch entschieden anders im Vergleich zum Vorgänger. Nach dem Erfolg von „Love Steaks“ ist die Constantin Film auf das junge Regietalent aufmerksam geworden und nun als Ko-Produzent an Bord; Constantin-Chef Martin Moszkowicz zeichnet neben Oliver Berben selbst als Executive Producer verantwortlich. Man merkt „Tiger Girl“ an, dass das Kreativteam auf einen ordentlichen Batzen Geld zurückgreifen konnte. Der Charme des Probierens, das Spiel mit wenigen Möglichkeiten, das „Love Steaks“ eben auch auszeichnete, ist in „Tiger Girl“ einer runden Dramaturgie und inszenierten Ästhetik gewichen, die geschult ist an Musikclips und Kampfkunstfilmen.

„Höflichkeit ist auch eine Art von Gewalt – gegen dich“

Doch das stört nicht. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Figuren auf der Leinwand für den Zuschauer letztlich Fremde bleiben. Was wir wissen: Maggie ist durch die Polizeiprüfung gerasselt und lässt sich bei einem privaten Sicherheitsdienst ausbilden. Zufällig lernt sie Tiger kennen, Ausreißerin und Kleinkriminelle. Eine, die Freiheit nicht nur meint, sondern lebt – und dadurch im Berlin der Gegenwart wahlweise wie ein Alien oder eine Superheldin wirkt. Die beiden jungen Frauen freunden sich an. Wenn man so will, würde es Maggies Emanzipationsgeschichte ohne Tiger gar nicht geben. „Höflichkeit ist auch eine Art von Gewalt – gegen dich“, erklärt sie der Naiven gleich zu Beginn.

Unterstützt von Schäppis fiebriger Kamera und einer mitreißenden Musik (die Berliner Gruppe Grossstadtgeflüster lieferte mit „Du weißt nicht, wie man Feuer macht“ das perfekte Titellied) erzählt Lass druckvoll, temporeich und mit überzeugender Unbedingtheit dieses moderne, brutale Berlin-Märchen zweier Frauen, die sich die Freiheit nehmen, sich so aufzuführen, wie die Gesellschaft es nur von Männern erwartet (und in gewissem Rahmen toleriert): saufen, pöbeln, prügeln.

Das Duo Dragus und Rumpf überzeugt in jeder Minute

Das funktioniert, auch weil Lass zwei Schauspielerinnen gefunden hat, die keine Probleme hatten, diesen Weg mitzugehen. Dabei beeindrucken Ella Rumpf und Maria Dragus nicht nur in den fordernden Kampfszenen, sondern auch in stilleren Momenten. Wie Dragus ihre Figur vom Hascherl zur Killerqueen wandelt, ist so glaubhaft wie sehenswert; Rumpf rettet ihre Tiger vor Eindimensionalität und bewahrt ihr so ein Geheimnis. Das ist ein Glücksfall für diesen Film. Denn als am Ende Vanilla längst die Kontrolle über sich und ihre Aggressivität verloren hat, als die Schöne zum Biest mutiert ist, da ist es an Tiger, der Geschichte eine weitere Ebene hinzuzufügen. Und plötzlich geht es um Verantwortung.

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