Jemand, der Geschichten erzählen will

- Der erste Eindruck ist eine Überraschung. Es ist erstaunlich, wie jung Benjamin Heisenberg aussieht. Vor allem, wenn man sich seine schon respektable Biografie ansieht: 1974 in Tübingen geboren. Studium der Bildhauerei an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Diverse Ausstellungen. Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen. Gründung der inzwischen zum Kultobjekt avancierten Filmzeitschrift "Revolver". Inszenierung diverser Kurzfilme. Und zusammen mit seinem engen Freund Christoph Hochhäusler 2002 das gemeinsame Spielfilmdebüt "Milchwald". 2004 nun der erste Spielfilm in alleiniger Regie: "Schläfer", der sofort als deutscher Beitrag zu den Filmfestspielen nach Cannes eingeladen wurde.

Davon träumen viele Filmhochschulabsolventen. Kaum jemandem gelingt es. Da sitzt einem ein Überflieger gegenüber, scheint es. Der das auf dem künstlerischen Sektor zu wiederholen gedenkt, was seinem Großvater, dem weltberühmten Physiker Werner Heisenberg, auf naturwissenschaftlichem Gebiet gelang. Doch der erste Eindruck täuscht. Wenn man Heisenberg zuhört, bemerkt man schnell: Hier sitzt kein vom Ehrgeiz zerfressener Jungfilmer. Sondern jemand, der Geschichten erzählen will und immer auf der Suche ist nach einer originellen Idee für das nächste Drehbuch oder das nächste Kunstprojekt.Denn nur Film allein, "das wäre mir auf Dauer sicher zu einseitig. Ich will gerne mein Leben lang zweigleisig bleiben und möglichst spontan entscheiden können, was ich tun werde", erklärt Heisenberg. Sein erster abendfüllender Film "Schläfer" ist ein Planspiel des Verdachts. Denn der steht zu Beginn des sich rasch in klaustrophobischer Enge entwickelnden Dramas: Johannes (Bastian Trost), ein junger Wissenschaftler an der Münchner TU, wird vom Verfassungsschutz beauftragt, seinen Kollegen Farid (Mehdi Nebbou) zu bespitzeln. Obwohl er sich anfangs weigert, ist er schon infiziert mit dem Virus der unbegründeten Verdächtigung. Seine Wahrnehmung und bald auch sein Gerechtigkeitssinn sind nicht mehr unvoreingenommen. Irgendwas wird schon dran sein an dem Gerücht. Heisenberg: "Das ist doch ein Gedanke, der jedem vertraut ist. Aber erst nach dem 11. September 2001 ist diese allgemeine Verunsicherung, dieses spürbare Unbehagen in der Gesellschaft benennbar geworden."Mehr als die Gefahr durch den islamischen Terror oder die Schuld eines Täters interessiert sich der junge Regisseur allerdings für den allgemeinen gesellschaftlichen Veränderungsprozess seit dem 11. 9. 2001, der ihn beunruhigt. Heisenberg: "Gegen diese schleichende Korrumpierung des Einzelnen sollte man angehen. Auch wenn die Angst vor einem Attentat begreiflich ist, entschuldigt sie noch lange nicht die hysterische Aufgabe einiger unserer Grundrechte." Anhand seines Protagonisten Johannes, der sein Leben schließlich durch eigennützigen Verrat und gezielte Lügen vergiftet, skizziert Heisenberg mit fast schon einschüchternder Präzision den aktuellen Zeitgeist. Diese Genauigkeit bis ins kleinste Detail, diese zurückhaltend-subtile Charakterstudie und der sezierende Blick eines Forschers, das ist im deutschsprachigen Kino selten. Das kennt man praktisch nur noch von Michael Haneke oder Christian Petzoldt.Ein solcher Vergleich gefällt Heisenberg. "Trotzdem wäre als nächstes vielleicht wirklich eine Komödie angebracht. Aber wenn ich mich ans Schreiben mache, kommt meistens etwas Ernsthaftes heraus." Sagt er und lacht laut und herzhaft dazu.

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