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Beim Gespräch über „Nanga Parbat“: Joseph Vilsmaier und MM-Kulturchef Michael Schleicher.

Vilsmaier: „Es hat gedauert, bis ich Messner vertraute“

München - Regisseur Joseph Vilsmaier spricht im Merkur-Interview über „Nanga Parbat“, Dreharbeiten in der Todeszone und den Filmpreis für sein Lebenswerk.

Die kommende Woche hat es für Joseph Vilsmaier in sich: Am Montag feiert der neue Film des 70-Jährigen Premiere. In „Nanga Parbat“ erzählt der Regisseur, Produzent und Kameramann das Drama der Brüder Messner, die 1970 den neunthöchsten Berg der Erde bestiegen – eine Expedition, bei der Günther Messner ums Leben kam. Der Film startet dann am Donnerstag in den Kinos. Einen Tag später erhält Vilsmaier den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten für sein Lebenswerk. Beim Gespräch mit dem Münchner Merkur wirkt er dennoch völlig entspannt.

„Nanga Parbat“ ist Ihr vierzehnter Kinofilm. Sind Sie vor dieser Premiere überhaupt noch nervös?

Nervös ist man immer ein bisschen. Denn die entscheidende Frage ist: Findest du dein Publikum?

Wann ist „Nanga Parbat“ für Sie ein Erfolg?

Der Erfolg beginnt bei 600 000 Zuschauern und ein großer Erfolg wäre eine Million. Bei der Masse der Filme, die anläuft, ist es immer schwer, die Million zu erreichen. Und ich weiß schon jetzt, dass der Film solche und solche Stimmen haben wird: Da werden sich die Messner-Gegner zu Wort melden und die Messner-Befürworter.

Woher kennen Sie Reinhold Messner?

Der Reinhold hat mir einen Brief geschrieben, am 20. Dezember 2004: Ob ich mir vorstellen könnte, etwas mit ihm zu machen? Ich habe zurückgeschrieben, wir haben telefoniert, uns getroffen – aber wir haben nicht gewusst, was wir machen könnten. Es war klar, dass ich zu alt bin, um ihn mit der Kamera durch die Wüste Gobi zu begleiten – oder was sonst so seine Unternehmungen sind. Dann habe ich ihm gesagt, dass mich die Geschichte mit seinem Bruder interessiert: Ich habe 1953 die Erstbesteigung vom Nanga Parbat durch Hermann Buhl am Radio mitverfolgt, 1970 dann die Tragödie der Messners. Ich habe aber auch zwei Jahre gebraucht, bis ich Messner vertraute. In der Zeit habe ich mit Psychologen und Extrembergsteigern geredet.

"Nanga Parbat": Der Fototermin zum neuen Vilsmaier-Film

"Nanga Parbat": Der Fototermin zum neuen Vilsmaier-Film

Messner gilt als Kontrollfreak. Wie haben Sie ihn erlebt?

Viele haben mich gewarnt und gesagt, wir werden uns zerstreiten. In den fünf Jahren, die wir uns kennen, haben wir nicht ein Mal gestritten. Ich hätte ohne Messner den Film nicht machen können, weil ich bergsteigerisch eine Null bin. Ich weiß nicht, wie man in der Todeszone läuft, wie Bergsteiger dort atmen. Reinhold kennt den Nanga Parbat wie kein Zweiter, besser als die Hubschrauberpiloten, die dort ständig die Verunglückten rausfliegen. Er muss sein ganzes Leben einen unglaublichen Instinkt gehabt haben – sonst wäre er nicht so alt geworden.

Ist „Nanga Parbat“ ein Vilsmaier-Film oder ein Messner-Film?

Reinhold sagt immer: „Ich war der Berater fürs Bergsteigen. Der Vilsmaier hat den Film gemacht.“ Und so war es auch. Er war nie dabei, wenn wir Spielszenen gedreht haben. Bei allen Szenen aber, die am Berg spielen, habe ich ihn gebeten, den Schauspielern zu vermitteln, wie sich Bergsteiger verhalten. Im Übrigen habe ich zwei Drehbuchautoren, die sich nichts vorschreiben lassen. Und ich habe einen Vertrag mit Reinhold, in dem steht, dass ich der Chef bin. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich den nicht gebraucht hätte. Heute würde mir ein Handschlag reichen.

Was war die extremste Höhe, auf der Sie gedreht haben?

7200 Meter. Da haben wir den Berg eingefangen. Unser Basislager war auf 3600 Meter. Wir wurden medizinisch überwacht, ständig wurden Puls und der Sauerstoffgehalt des Blutes gemessen. Der Puls war im Basislager bereits auf 140. Da konntest du nachts nicht schlafen.

Wie filmverrückt muss man sein, um ein solches Projekt zu stemmen?

Zuhause haben sie mich ausgelacht, weil ich das machen wollte. Ich habe gesagt: „Okay, ich mach’s trotzdem.“ Ich wurde entschädigt durch das, was ich erlebt habe, und durch die wahnsinnige, einmalige Landschaft. Wenn es mir mal nicht so gut ging, habe ich mir gesagt: Die Bilder wirst du nie wieder aus deinem Kopf bringen.

Wie reagieren Sie auf die Vorwürfe, Messner habe seinen Bruder im Stich gelassen?

Man kann sich nicht vorstellen, was es bedeutet, in der Todeszone auf 7200 Metern zu sein. Und dann geht es ja weiter nach oben: Du kannst nicht mehr atmen, dein Körper funktioniert nicht mehr, dein Hirn setzt aus. Jeder, der Messner anschuldigt, sollte mal auf 8000 Meter ohne Sauerstoff gehen und schauen, was passiert. Wenn ich zu Ihnen sage, Sie hätten Ihren Bruder umgebracht, dann wäre es das Schlimmste, wenn meine Anschuldigung falsch wäre. Nur Messner weiß, was da oben passiert ist. Ich bin aber überzeugt, dass ein Mensch, der seinen Bruder umgebracht hat, mit dieser Tat nicht leben könnte. Wer ständig angeschuldigt wird und wüsste, dass er auch schuldig ist, der könnte das nicht durchstehen, der würde sich das Leben nehmen. Wenn mein Gefühl gewesen wäre, dass ich ihm nicht vertraue, dann hätte ich den Film nicht machen können.

Können Sie nachvollziehen, warum es trotz aller Gefahren Menschen auf Berge treibt?

Als ich das erste Mal vor dem Nanga Parbat stand, hat es mich gegruselt. Er ist zwar schön, aber schaut auch so was von gefährlich aus. Wenn ich aber Mitte 20 wäre und bergsteigen könnte, dann würde es mich reizen – wegen der Einsamkeit und wegen der Natur. Dazu kommen die Bergvölker, einfachste Menschen, die zufrieden leben. Diese Begegnungen haben mir sehr viel gebracht.

Am Tag nach dem Kinostart von „Nanga Parbat“ erhalten Sie am 15. Januar den Ehrenpreis beim Bayerischen Filmpreis. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung? Ist sie Genugtuung, weil es auch immer wieder Kritik an Ihren Filmen gibt?

Ich mag doch die Kritiker. Manchen bin ich dankbar, weil ich merke, dass sie Recht hatten – da lief der Film dann aber schon in den Kinos. Ich könnte nicht als Filmkritiker arbeiten, weil ich ein ganz normaler Kinogänger bin. Mich stört ein falscher Anschluss nicht, das kann mal vorkommen. Mich interessiert die Geschichte.

Jetzt sind Sie elegant der Frage nach der Bedeutung des Ehrenpreises ausgewichen...

Ich hoffe, dass man mir mit dem Ehrenpreis nicht sagen will, dass ich aufhören soll (lacht). Ich würde gern noch weiter machen. Denn ich habe einen wahnsinnig schönen Beruf, der zwar anstrengend und manchmal auch grausam ist – und natürlich bin ich stolz auf den Preis. Früher habe ich gesagt, dass mich Preise nicht interessieren. Da musste ich umdenken. Es ist schön, wenn man für etwas ausgezeichnet wird, das vielen Leuten Freude gemacht hat. Aber ich bin auch ein bisschen gschamig, wie man in Bayern sagt, und denke: „Kruzi-Fünferl, wer hätt den Preis noch verdient?“

Sie haben den Hang zu mächtigen, oft zeitgeschichtlichen Stoffen, die Sie versuchen, so zu erzählen, dass der Film die Zuschauermasse anspricht...

Ich bin eben Volkes Kind, in ärmlichen Verhältnissen in Niederbayern aufgewachsen. Das karge Landleben habe ich miterlebt. Und ich habe Glück gehabt. Ich bin jetzt nicht der große Regisseur. Aber ich setze mir was in den Kopf und mache dann den Film – mit meinem eigenen Stil. Und ich kenne doch meine Nachbarn und die Leute, die um mich sind. Wenn mir also was gefällt – warum soll es denen nicht gefallen? Die sind doch auch nicht viel anders als ich.

Was braucht ein Film, um Ihnen zu gefallen?

Emotion. Ein Leben ohne Emotion ist nichts wert.

Und welche Emotionen bringen Sie nach „Nanga Parbat“ auf die Leinwand?

Mein neuer Film heißt: „Es lebe der Zentralfriedhof“. Es wird eine schwarze Komödie.

Das Gespräch führte Michael Schleicher.

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