Juden als Organhändler, US-Soldaten als Killer

- München - "Nehmt diesen Film umgehend aus dem Programm": Diesen Appell richtet Charlotte Knobloch, Vizepräsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, an die Kinobetreiber. Wer den türkischen Film "Tal der Wölfe - Irak" zeige, unterstütze den Hass auf jüdische Menschen und die Attacken auf Werte der westlichen Zivilisation. "Deutsche Kinos dürfen kein Ort für Propaganda sein", sagt Knobloch. Kritiker werfen dem Film, in dem amerikanische Soldaten im Irak-Krieg als Killermaschinen gezeigt werden, vor, antisemitische und antiamerikanische Vorurteile zu schüren.

Der Film beginnt mit einer wahren Begebenheit: der so genannten Sack-Affäre. Im Juli 2003 überfallen US-Soldaten im Nordirak einen türkischen Militärposten. Die Amerikaner stülpen den türkischen Offizieren Säcke über den Kopf und führen sie ab.

Diese Bilder schlugen in der türkischen Presse ein wie eine Bombe: türkische Soldaten vom Nato-Partner USA gedemütigt und entehrt. "Viele sahen das als Beleidigung und Verletzung des Nationalstolzes", erklärt Cumali Naz, Vorsitzender des Münchner Ausländerbeirats und selbst türkischstämmig. "Das sitzt tief im Bewusstsein."

In der folgenden, nun fiktiven, Handlung bringt sich einer der türkischen Offiziere um - er kann als stolzer Türke diese Demütigung durch die Amerikaner nicht verkraften. Im Abschiedsbrief beauftragt er seinen Freund, Geheimagent Polat Alemdar (Necati Sasmaz), ihn zu rächen und es dem verantwortlichen Befehlshaber einer US-Spezialeinheit (Billy Zane) heimzuzahlen. Der Ausgangspunkt eines blutigen Rachefeldzugs.

"Ein mutiger Film, der den Krieg ungeschminkt zeigt"

"Der Film mag schockierend und gewalttätig sein. Er schürt aber nicht den Kampf der Kulturen", sagt Anil Sahin, Chef des Maxximum-Film-Verleihs. Er vertreibt die Filmrechte in ganz Europa, in Deutschland läuft der Streifen in 65 Kinos. "Das ist ein mutiger Film, der den Irak-Krieg ungeschminkt zeigt", erklärt Sahin. "Wir in der Türkei sehen andere Fernsehbilder über den Irak-Krieg als die Menschen in Deutschland."

Dass der 125-Minuten-Film für Zündstoff sorgt, wissen auch die Kinobetreiber. "Wir behalten den Film genau im Auge", erklärt Hans-Jochen Jochum. Er ist bei Kinopolis Management, das auch das Mathäser-Kino in München betreibt, zuständig für den Filmeinkauf. Sollte es zu Demonstrationen kommen, würde der Film abgesetzt. Bislang habe er mit türkischen Filmen immer gute Erfahrungen gemacht. "Das Einzige, was uns bei diesem Film befremdet, ist, dass die Zuschauer am Ende applaudieren." Maxximum-Chef Sahin hat dafür eine Erklärung: "Das türkische Publikum identifiziert sich bei jedem Film mit der Handlung auf der Leinwand: Bei Komödien bebt das Kino vor Lachen, bei Liebesfilmen weint die Hälfte der Besucher."

Als zum Schluss der türkische Geheimagent dem Amerikaner den Krummdolch ins Herz stößt, geht auch den hauptsächlich türkischen Besuchern einer Kinovorstellung im Mathäser-Filmpalast ein zufriedenes "Ahh" über die Lippen. Eigentlich nicht verwunderlich. Systematisch wird das Feindbild "US-Soldat" aufgebaut: Mit brutaler Gewalt spielen die Amerikaner Kurden, Araber und Turkmenen gegeneinander aus. Sie überfallen eine arabische Hochzeitsgesellschaft, erschießen den Bräutigam und einen kleinen Buben vor den Augen seiner Mutter, verschleppen Zivilisten, foltern sie, missbrauchen sie als lebende Organspender.

Das meiste der antiamerikanischen und antisemitischen Botschaft wird aber durch die Symbolik des Films transportiert: Der Name des Kommandanten, Sam William Marshall, spielt auf "Uncle Sam" an, eine Symbolfigur für Amerika. Das Folter-Gefängnis Abu Ghraib taucht auf, mitsamt der prügelnden US-Soldatin Lynndie England. Und Sam Marshall stellt die türkische Regierung als Marionette der USA hin: "Sogar das Gummi in euren Unterhosen ist aus Amerika", sagt er zum türkischen Geheimagenten. Ein offensichtlich jüdischer Arzt (Gary Busey) operiert im Stile von Nazi-Arzt Mengele den Geschundenen in Abu Ghraib die Nieren heraus und wird bei seinen menschenverachtenden Machenschaften von der US-Besatzungsmacht unterstützt und geschützt. Die Organe kommen für den Export in Kühltruhen mit den Etiketten "Tel Aviv", "London", "New York".

Hinzu kommt die Religion als Spaltfaktor: Sam Marshall ist ein christlicher Kreuzzügler, der unter dem Kruzifix kniend die nächste Mordaktion plant. "Dafür hat US-Präsident George W. Bush dem Regisseur selbst die Vorlage gegeben", meint Maxximum-Chef Sahin. Bush habe den Kampf gegen den Terror mit einem Kreuzzug verglichen. Dem selbsternannten christlichen Befreier Sam Marshall steht ein angesehener Scheich gegenüber: Er verurteilt Selbstmordattentate als Sünde gegen den Koran und rettet im Namen des Propheten Mohammed eine amerikanische Geisel vor der Hinrichtung.

"Christen und Juden als widerliche und paktierende Gestalten", schimpft der EU-Abgeordnete Cem Özdemir über den Film, wogegen der Islam als "Religion des Friedens" dargestellt werde. Für Ausländerbeirats-Chef Naz spiegelt "Tal der Wölfe - Irak" die aktuelle Stimmung in der Türkei wider: "Dort hat der Nationalismus gerade Hochkonjunktur." Zudem wachse der Anti-Amerikanismus, weil diese "keine richtigen Verbündeten" seien, sondern die Türkei klein halten wollten und zudem - wie in Guantá´namo - selbst Menschenrechte mit Füßen träten.

Film könnte Nationalisten in die Hände spielen

Dass es in Deutschland wegen des Films zu Konflikten kommt, glaubt er nicht: Die große Mehrheit der Türken werde "besonnen" reagieren und könne zwischen Realem und Fiktivem unterscheiden. Allerdings könnten nationalistische Kräfte in der Türkei durch solche Stimmungsmache bei den kommenden Parlamentswahlen profitieren.

An den ersten drei Tagen nach der Premiere in Deutschland sahen 136 000 Menschen hierzulande "Tal der Wölfe". Dass der Film vor allem türkische Jugendliche in die Kinosäle zieht, beruht auch darauf, dass Agent Alemdar seit drei Jahren in einer erfolgreichen türkischen TV-Serie gegen die Mafia in Istanbul kämpft. Zudem läuft der Film in der Originalfassung mit deutschen Untertiteln. "In rund vier Wochen kommt die deutsche Fassung in die Kinos", so Maxximum-Film-Chef Sahin. Dann werde auch das deutsche Publikum dem Film nicht fernbleiben.

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