Kalte Heimat

- Eine Heimkehrergeschichte. Paul (Matthew MacFayden) ist ein berühmter Kriegsfotograf. Eigentlich will er nur ein paar Tage bleiben, denn mit dem neuseeländischen Kaff, in dem er aufwuchs, hat er nichts mehr zu tun, mit seiner Familie hatte er keinen Kontakt, seitdem er die Kleinstadt nach dem Tod der Mutter verließ. Und wie wenig ihm alles bedeutet, sieht man schon daran, dass er zur Beerdigung des Vaters zu spät gekommen ist.

Auch das Verhältnis zu seinem Bruder Andrew (Colin Moy) ist sichtbar gestört. So begreift der Zuschauer sofort, dass einst etwas vorgefallen sein muss, ahnt, dass die Vergangenheit Geheimnisse birgt. Die Geschichte ihrer Enthüllung ist die Geschichte dieses Films, dessen Kern sich um die Dialektik von Weltläufigkeit und Provinz und um die Bedeutung von Heimat/ Herkunft/ Familie im Verhältnis zu Freiheit/ Individualität/\x0fNeugier dreht.

Paul bleibt länger, er räumt die alte Hütte seines Vaters, auf die der Originaltitel "In My Fathers Den" verweist, aus: Mit Büchern, Platten und Weinflaschen vollgestopft, war sie der Rückzugsort des Vaters vor der selbstgerechten, bigotten Mutter. Paul trifft auch seine Jugendliebe wieder. Celia (Emily Barclay), deren Tochter, sucht seine Nähe, weil er für sie all das repräsentiert, was sie selber spürt: Mut, Aufbruch, Sehnsucht danach, die Enge der Provinz hinter sich zu lassen und Neues zu entdecken. Celia will Schriftstellerin werden und nach Europa reisen, Paul unterstützt sie dabei. Zugleich beginnt er zu vermuten, Celia könnte seine Tochter sein. Die bornierte Kleinstadtgesellschaft betrachtet diese ungleiche Freundschaft misstrauisch. Als Celia plötzlich verschwindet, gerät Paul in Verdacht, damit etwas zu tun zu haben. Doch das Geschehen ist nur Auslöser für die Enthüllung noch unangenehmerer Geheimnisse.

Regisseur und Drehbuchautor Brad McGann verbindet Familiendrama und Thriller. "Als das Meer verschwand" ist vielschichtig und bewegend. Stilistisch an den australischen Film "Somersault" erinnernd, ist dies ein einfühlsamer, sensibel in subtilen Andeutungen und immer wieder durch lange Rückblenden erzählter, poetischer Film, der auf die Frage nach dem Sinn von Wahrheit keine einfachen Antworten gibt. Der Film gibt weder Paul noch den Dorfbewohnern Recht. Nur eines ist am Ende klar: Auch Familie und Heimat, jene Mikrokosmen, die Traditionalisten gern als letzter Ort sozialer Wärme in einer kühlen Welt erscheinen, können schrecklich kalt sein. (Ab morgen in München: Atelier, Theatiner i.O.)

"Als das Meer verschwand"

mit Matthew MacFayden

Regie:Brad McGann

Hervorragend

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