Kammerspiel der Liebe

- Wenn ein Mann die eine Frau trifft, bei der alles zu stimmen scheint, wird er automatisch misstrauisch. Die perfekte Frau kann es nämlich nicht geben. So ergeht es auch Julien (Jerzy Radziwilowicz als mürrischer Schweiger), der als stoischer Einzelgänger menschliche Nähe meidet. Bis er eben Marie (Emanuelle Béart als unwirkliche Schönheit) trifft, die schneller bei ihm einzieht, als er "nein" sagen kann, und bei der, wie gesagt, alles makellos zu sein scheint.

<P>Aber bald wirkt Juliens Misstrauen berechtigt: Marie benimmt sich eigenartig, verschwindet überraschend, sperrt sich ein oder versinkt in einen Zustand völliger Apathie. Auch diese Frau hat also ihr Geheimnis. Und als es Julien schließlich lüftet, ist es ein wenig so wie bei Christoph Columbus: Was er entdeckte, wollte er nie finden.</P><P>Jacques Rivette, französischer Regie-Veteran und renommierter Vertreter der so genannten "Nouvelle Vague", ist es im reifen Alter von 75 Jahren gelungen, einen unkonventionellen Film zu drehen, der auf angenehme Weise mit seinen früheren Werken eigentlich nicht viel gemein hat. In Machart und Anlage eindeutig von aktuellen Mystery-Thrillern aus Hollywood beeinflusst, hat Rivette einen düster-romantischen Liebes-Thriller gedreht, der sich mit bemerkenswerter Eleganz jeder klaren Deutung entzieht. Jedes Bild ist kunstvoll konstruiert und steckt voller Anspielungen.</P><P>Julien ist ein Uhrmacher, der in einem riesigen Haus lebt und ohne erkennbaren Grund eine Geschäftsfrau erpresst, deren Schwester wiederum unter merkwürdigen Umständen verstorben ist, was wiederum offenbar irgendetwas mit Maries eigenwilligem Verhalten zu tun hat - und so weiter und so fort.</P><P>Rivette legt so viele falsche Fährten, springt so oft zwischen verschiedenen Realitätsebenen und verwischt derart konsequent die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, dass sich der Zuschauer zwangsläufig auf sein Gefühl verlassen muss. Intellekt alleine hilft hier nicht weiter.</P><P>Das ist letztlich der zentrale Punkt in diesem Kammerspiel der Liebe. Mitunter treibt es Rivette mit seinen bedeutungsschwangeren Spielereien, die alles oder - wahrscheinlicher - nichts bedeuten können, ein bisschen weit, aber das sieht man ihm gerne nach. Nicht zuletzt wegen des wunderbaren Endes, das man je nach Gemütslage als Happy End oder als Höllenfahrt sehen kann.</P><P>"Die Geschichte von Marie und Julien"<BR>mit Emanuelle Bárt,<BR>Jerzy Radziwilowicz<BR>Regie: Jacques Rivette<BR>Sehenswert <BR></P>

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