Kammerspiel des Schreckens

- Anfangs wirkt es wie ein vorhersehbarer kleiner, schmutziger Schocker. Der 32-jährige Jeff (Patrick Wilson) verabredet sich im Internet mit der erst 14-jährigen Hayley. Man trifft sich, und Jeff gelingt es, das Mädchen in seine Wohnung zu lotsen. Bis dahin folgt die Handlung einem vertrauten Schema, aber Regisseur David Slade dreht in einem furiosen Schwenk den Spieß um und stellt die Sache fulminant auf den Kopf.

Denn der wenig skrupulöse Verführer wird von dem vermeintlich leichten Opfer (Ellen Page ist mit einer Furcht einflößend überzeugenden Vorstellung zu sehen) überrumpelt und findet sich gefesselt auf einem Stuhl wieder. Der Teenager will dem schmierigen Chatroom-Gigolo eine Lektion erteilen und gibt ihm in der Folge einen Vorgeschmack auf das Fegefeuer.

Ein Kammerspiel des Schreckens, in dem Slade geschickt immer wieder die Perspektive wechselt, vermeintlich sichere Erkenntnisse in Frage stellt und die Sympathien virtuos zwischen Täterin und Opfer hin- und herfließen lässt. Oft genug erinnert das an den beunruhigenden Klassiker "Extremities", in dem ein Vergewaltigungsopfer fürchterliche Rache übt und dabei jenes Verhalten an den Tag legt, das sie so an ihrem Peiniger gehasst hat.

Genau mit dieser Ambivalenz der Moral von Vergeltung spielt "Hard Candy" und wirft den Zuschauer dabei auf sich selbst zurück. Es gibt keine einfachen Antworten und klaren Standpunkte. Ein reichlich subversiver Anschlag auf das in Hollywood so beliebte Genre des Selbstjustizdramas, in dem der Bösewicht gerne in Zeitlupe regelrecht hingerichtet wird, um das Bedürfnis nach Gerechtigkeit zu bedienen.

Genau hier hakt "Hard Candy" ein und sieht genauer hin. Jeff ist kein sympathischer Mensch und ganz offenkundig ethisch degeneriert, aber das macht ihn nicht zum Freiwild. Und das offenkundig traumatisierte junge Mädchen ist zwar auch Opfer, aber eben auch gnadenlose Furie ohne einen Hauch von Mitgefühl. Ein erschreckender Blick ins Herz der Finsternis, das einen auch noch nach dem Abspann beschäftigt. (Ab morgen in München: Mathäser, Münchner Freiheit, Forum.)

"Hard Candy"

mit Patrick Wilson, Ellen Page

Regie: David Slade

Sehenswert

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