Der Kampf gegen den Wind

- Ein Mann steht einsam im kalten Ostwind, der ihm das Haar zerzaust. Die Prospekte fliegen weg und mit ihnen die Sprüche von Freiheit und Aufbau Ost, vom Wechsel in Berlin und dem Wundermann aus Bayern. Und mit ihm auch die kleinen Hoffnungen des Herrn Wichmann. 20 Prozent Stimmen hat sein Vorgänger beim letzten Bundestagswahlkampf für die CDU in der Uckermark geholt. Fast zum Verzweifeln der so gar nicht realistische Optimismus, mit dem hier einer offenbar tatsächlich glaubt, er habe eine Chance.

Herr Wichmann jedenfalls ist ein Kämpfer. Gegen die "in Berlin", gegen seinen SPD-Gegner, gegen die Ignoranz der Bürger, die er doch vertreten will, die das aber gar nicht interessiert.

Achtlos gehen sie an seinen Plakaten vorbei, bevor diese der Wind dauernd umwirft und sie Herr Wichmann wieder aufstellt. "Frischer Wind bringt Bewegung in die Politik", steht darauf. Manchmal kämpft Herr Wichmann auch gegen die eigene Partei, wenn der Kandidat irgendetwas gesagt hat, was sicher wichtig für den Wahlkampf war, auf Herrn Wichmann aber wirkt, als wolle man ihm Knüppel zwischen die Beine werfen.

Es sind wunderbar präzise Situationen, die Andreas Dresens Dokumentation vom Wahlkampf des Kandidaten eingefangen hat. Manchmal wundert man sich, dass Herr Wichmann nie darum bat, die Kamera auszuschalten, denn es sind nicht immer schmeichelhafte Momente, in denen sie ihn einfängt. Aber er ist ehrlich bis zur Selbstentlarvung, und diese Szenen machen den Reiz des Films aus. Man lernt zum Beispiel Frau Wichmann kennen, die nett und klug erscheint. Ihr ist anzusehen, dass sie den Optimismus ihres Mannes nicht immer teilt. Leider analysiert der Film nicht, fragt nie nach, auch wo es nötig wäre.

Gern hätte man am Ende gewusst, was Herr Wichmann wirklich denkt, wenn er auf unübersehbar senile Altenheimbewohner und lallende Zecher einquatscht und ihnen schließlich seinen Prospekt in die Hand drückt. Oder ob sich Mühe und Aufwand gelohnt haben, da er doch nur ein Prozent dazugewonnen hat, weitaus weniger, als der Rest der Partei.

Der Film bleibt so gnadenlos und kühl wie die Wirklichkeit, die er zeigt. Darum erscheint als absurder Humor, was eigentlich eine Tragödie ist: der Kampf eines ostdeutschen Don Quixote gegen die Realität, gegen den Zynismus, gegen sich selbst und vor allem gegen den Wind.

(In München: Atelier)

"Herr Wichmann von der CDU"

mit Herrn und Frau Wichmann

Regie: Andreas Dresen

Sehenswert

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