Kampf an zu vielen Fronten

"Spiderman 3": - "Große Macht erfordert große Verantwortung." Wie ein Mantra hatte Regisseur Sam Raimi im ersten "Spiderman" (2002) seine Botschaft wiederholt. Das war durchaus ungewöhnlich, schließlich war "Spiderman" eine sündhaft teure Comicverfilmung, die keine Botschaften verbreiten, sondern dem Studio viel Geld bringen sollte.

Zumal sich die USA gerade im kollektiven Ausnahmezustand befanden und wie besessen Länder bekriegten, um die Anschläge des 11. September zu vergelten. Da klang der Satz wie leise Kritik.

"Spiderman" wurde trotz oder vielleicht auch wegen seiner bedächtigen Moral ein Hit, und nun nutzt Raimi die beruhigende Wirkung des Erfolgs, um im dritten Teil, der am 1. Mai startet, geradezu subversiv zu werden - gemessen an den Maßstäben Hollywoods jedenfalls. Diesmal lernt Spiderman stellvertretend für den Zuschauer, dass Rache kein Ziel im Leben sein kann, sondern nur in der Vergebung innerer Frieden zu finden ist. Das grenzt in den USA fast schon an Sabotage. Rache als Form höherer Gerechtigkeit ist schließlich ein fester Bestandteil des dortigen Kinos - man denke nur an die vielen Filme, in denen unreflektiert Selbstjustiz zelebriert wird.

Und jetzt das: Spiderman alias Peter Parker (Tobey Maguire) vergibt dem Mörder seines geliebten Onkels, versöhnt sich mit seinem Erzfeind und - die schwierigste Aufgabe von allen - überwindet sein Ego, um echtes Mitgefühl entwickeln zu können. Spiderman und mit ihm der Zuschauer müssen indes eine lange, gewundene Straße entlanggehen, bis es soweit ist.

Raimi macht aus dem Comic-Spektakel ein mitunter schwerfälliges Epos, das unter dem eigenem Gewicht ächzt. "Spiderman 3" treibt es zu weit mit dem Gutgemeinten. Zudem gibt es ein paar Handlungsstränge zu viel, was natürlich intelligente Vielschichtigkeit anzeigen soll, aber der archaischen Wucht der Vorlage entgegensteht. Da ist Spiderman ein misstrauisch beäugter Held, der sich mit übermächtigen Feinden herumschlägt und in seiner bürgerlichen Parallelexistenz keine Anerkennung erfährt.

In den ersten beiden Teilen hat Raimi das geschickt eingefangen, im dritten erstickt vieles in aufdringlicher Bedeutsamkeit. Spiderman kämpft einfach an zu vielen Fronten. Die Romanze mit Mary Jane (Kirsten Dunst) zerbröselt, in seinem Zweitjob als Fotograf wird er von einem ehrgeizigen jungen Kollegen verdrängt, zwei Super-Bösewichte (einer davon das Alter Ego des Berufskonkurrenten) erweisen sich als unbezwingbar, der vormals beste Freund (James Franco) mutiert zum Todfeind, die Tante (Rosemary Harris) nervt, und ein mysteriöser außerirdischer Parasit verwandelt den netten Peter/ Spiderman in einen Kotzbrocken, was daran erkennbar ist, dass er sich die Haare zur Hitler-Tolle frisiert und sich aufführt, wie es nicht einmal Dieter Bohlen wagen würde. Zwischendrin gibt es furiose Actionsequenzen, die aber streckenweise wie ein Computerspiel aussehen. So hangelt sich der Film in 140 Minuten von einer zähen Einführung über einen großartigen Mittelteil zu einem müden Finale. Schade, die Geschichte hat das Potenzial zum großen Drama, das die Saga würdig zu Ende erzählt. Aber das interessiert das Filmstudio nicht im Geringsten. Der vierte Teil ist schon angekündigt. (Ab Dienstag, 1. Mai, in München: Mathäser, Maxx, Royal, Münchner Freiheit, Leopold, Rio, Cincinnati, Forum, Gabriel, Museum i.O.)

"Spiderman 3"

mit Tobey Maguire, Kirsten Dunst

Regie: Sam Raimi

Sehenswert ****

Auch interessant

Kommentare