Kaum Entdeckungen

- Türkisgrün, sattes Blaugrau, leuchtendes Rot - begeisternd prächtig ist die Farbpalette in "Peacock", dem Regiedebüt von Gu Changwei, der in den vergangenen 20 Jahren als Kameramann von Zhang Yimou und Chen Kaige berühmt wurde. Als vorletzter Film des Wettbewerbs rollte Gu das Feld von hinten auf und gewann mit dem "Spezialpreis der Jury" den zweitwichtigsten Preis der Berlinale.

<P>"Peacock", eine epische Familiengeschichte aus dem China der 70er-Jahre, sieht mit ihrem melancholisch-neorealistischen Touch beinahe aus wie ein Film aus der legendären fünften Generation des chinesischen Kinos, die Ende der 80er, Anfang der 90er mit Filmen wie "Rotes Kornfeld" auf der Berlinale Triumphe feierte. Subtil erinnerte der Preis damit an die großen Zeiten eines Festivals, das mit seiner 55. Ausgabe in der Krise angekommen ist.</P><P>Merkwürdige Spannungslosigkeit und Gleichgültigkeit - für ein Filmfestival noch schlimmer als wütende Empörung - beherrschte von Anfang an das diesjährige Festival. Schon die "Papierform" des Wettbewerbs weckte wenig Erwartungen, locker wurde sie durch die Filme unterboten. Man muss Berlinale-Chef Dieter Kosslick zugute halten, dass er sich mit den Werken von Tsai, Sukurow, Té´chiné´ und Petzold fürs Autorenkino stark macht. Allerdings sind unter seiner Leitung fast ausschließlich die üblichen Verdächtigen zu sehen, echte Entdeckungen und starke Erstlingswerke findet man eher in Cannes. Positiv ist auch zu bemerken, dass Kosslick Filmemacher mit politischem Anspruch fördern will. Wenn das aber zur Aufführung von plattem Gutmenschenkino und Edelkitsch wie "Hotel Ruanda" oder Hannes Stöhrs "One Day in Europe" führt, erweist man  dem  politischen  Kino  einen  Bärendienst.</P><P>Viel zu europalastig war die Auswahl; während Lateinamerika gar nicht vertreten war, sah man nur drei Filme aus Asien (in Cannes zuletzt acht), der derzeit wichtigsten Region des Weltkinos, was die drei Silbernen Bären und viele weitere Preise in den Nebensektionen eindringlich unterstreichen. Verbindungen von Unterhaltung und Kunst sowie künstlerisch wirklich innovative Filme, egal aus welcher Region, waren dagegen Mangelware in einem Wettbewerb, der die Vielfalt nicht auslotete.</P><P>Wirklich überraschen konnten allenfalls ein paar Filme in den Sektionen "Panorama" (einmal mehr die beste Reihe) und "Forum", wo man etwa "Dumplings", den neuen Film von Hongkong-Regisseur Fruit Chan entdecken konnte. Alptraum und Verführung treffen sich in fantastisch-bezaubernden Bildern, in denen von Schönheit bringenden Teigtaschen erzählt wird. Horrorthriller und klug-ironisches Spiel mit den Mythen von ewiger Jugend und Potenz, die in Asien nicht weniger blühen als bei uns. Gelungen war auch "Kikexili", Lu Chuans in Tibet spielender Film über eine Bergpatrouille, die Wilddiebe jagt. Eine epische Story, in lakonischen Western-Bildern erzählt. Schließlich Rosa von Praunheims faszinierende Dokumentation "Männer Helden und schwule Nazis" über die geheimnisvolle Hassliebe zwischen Homosexualität und Rechtsextremismus: ein wichtiger Kontrapunkt zu jener neuen Neigung im deutschen Kino, den Nationalsozialismus zur Kulisse reinen Unterhaltungskinos zu machen. </P><P>Bedeutungslosigkeit droht</P><P>Trotz solch vereinzelter Highlights wird die 55. Berlinale wie die des Vorjahres insgesamt als künstlerisch erschreckend schwach in Erinnerung bleiben. Vor vier Jahren trat Dieter Kosslick seinen neuen Posten als eine Art Heilsbringer an. Jetzt sind die Probleme unübersehbar. Verknappung der Filme geht mit Steigerung überflüssiger Rand-Events einher. Die Filme, die gezeigt werden, werden offenbar vor allem wegen der Stars geholt - wie die peinliche Ausladung von "Heights" nach der Absage von Glenn Close illustriert, die für das Festival massive Folgen haben dürfte. </P><P>Für all das ist auch ein Festivalchef verantwortlich, der die Medienklaviatur zwar virtuos bedient, aber offenbar jede cineastische Vision der Verkäuflichkeit opfert. Genau das ist der Unterschied zu Cannes, das mit kompromisslos hohen Kunst-Maßstäben auch zum wichtigsten Film-Markt geworden ist. Der Abstand hierzu ist größer denn je. Und die Berlinale wird sich eine Strategie überlegen müssen, um ihren knappen zweiten Platz unter den Weltfestivals zu halten. Geht man von den letzten zwei Jahren aus, droht der Bedeutungsverlust.</P>

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