Kein ungetrübter Spaß, einen Nazi zu spielen

- Einen Latin Lover wird er nie spielen können. Trotz aller Wandlungsfähigkeit. Dazu ist der 33-jährige Devid Striesow einfach zu blond, blauäugig und norddeutsch. Macht aber gar nichts. Es gibt unzählige Rollen, die er noch übernehmen kann. Und unfassbar viele für sein Alter hat er schon gespielt. Das ist umso unglaublicher, da der auf Rügen Geborene und in Rostock Aufgewachsene erst relativ spät mit der Schauspielerei begann. Vorher studierte Striesow Musik. Hauptfach Jazzgitarre. Die Ausbildung an der renommierten Ernst-Busch-Schule in Berlin reizte ihn erst danach.

"Wie hat der sich gefühlt beim Weg durch die einzelnen Blöcke?"

Devid Striesow

Striesow spricht schnell. Wie ein Maschinengewehr entlädt er seine Gedanken. Lacht dazwischen viel, rutscht auf dem Stuhl hin und her und macht den Eindruck, als ob er nichts und niemanden wirklich ernst nehmen könnte. Bis er im nächsten Augenblick bei einem Thema ankommt, das ihm wichtig ist. Da wird der hyperaktive Striesow auf einmal ganz ruhig, engagiert und unglaublich konzentriert. Die Antworten werden nüchterner, und aus dem fröhlichen Witzbold wird ein klar und sehr strukturiert argumentierender, nachdenklicher Mann.

Spricht man ihn beispielsweise auf seine Rolle des SS-Mannes Herzog an, den er in "Die Fälscher" spielt, dem neuen Film des österreichischen Regisseurs Stefan Ruzowitzky ("Die Siebtelbauern", "Anatomie"), der auf der Berlinale im Wettbewerb zu sehen ist. "Ein vielschichtiger Charakter" sei das gewesen. Deswegen wollte Striesow überhaupt nur in die Nazi-Uniform schlüpfen. "Es ist kein ungetrübter Spaß, sich intensiv mit einer solchen Person zu beschäftigen. Da darf die Figur nicht zu eindimensional sein. Wenn ich aber wie hier eine Menge Hinterland rund um den Mann habe, aus dem heraus ich meine Rolle entwickeln kann, reizt mich so etwas."

Es ist eine schier unglaubliche, aber wahre Geschichte, die Ruzowitzky auf die Kinoleinwand bringt: die von ein paar Häftlingen des KZ Sachsenhausen, die von den Nazis beauftragt werden, Falschgeld herzustellen. Vorzugsweise Pfundnoten und Dollars sollten es sein. Mit den Blüten wollte man die wirtschaftlichen Verhältnisse des Feindes durcheinander bringen und nebenbei die leere Kriegskasse auffüllen. Unter dem Decknamen "Unternehmen Bernhard" sammelte Herzog in Sachsenhausen jüdische Bankiers und Finanzbeamte, Drucker, Grafiker, Maler und Geldfälscher. Trieb sie mitunter brutal zur Arbeit an, gewährte ihnen aber auch zahlreiche Vergünstigungen.

"Eine Baracke Erster Klasse war das", erklärt Striesow. Zur Vorbereitung der Rolle fuhr Striesow nach Sachsenhausen. "Ich kannte das zwar schon, bin ja schließlich ein Ossi. Aber diesmal war es vollkommen anders. Der private Eindruck war natürlich klar: beklemmend, grauenhaft und beängstigend. Aber als Schauspieler habe ich versucht, mich diesmal in die Figur dieses Nazis hineinzuversetzen: Was hat der sich gedacht, als er die Häftlinge zum Appell antreten ließ? Wie hat der sich gefühlt beim Weg durch die einzelnen Blöcke?"

Geholfen hat Striesow dabei ein Klassiker der DDR-Literatur, Bruno Apitz‘\x0f KZ-Roman "Nackt unter Wölfen". "Da gibt es einen SS-Mann, der in Buchenwald im Ledermantel herumläuft und der genau diese Mischung aus karrieristisch, opportunistisch und übermäßig intelligent ist, die ich auch dem Herzog in ,Die Fälscher’ verleihen wollte."

"Schauspielerei ist so eine sympathische Art, Geld zu verdienen."

Devid Striesow

Die Dreharbeiten verliefen diesmal nicht ganz so locker wie sonst. Normalerweise reißt Striesow gerne Witze, bis die Kamera läuft. "Ich muss mich auskaspern können. Vorher, nachher oder daneben. Damit es spontan bleibt und frisch wirkt." Nicht jeder Regisseur ist davon begeistert, wenn Klassenclown Striesow das Team ablenkt. "Aber man findet immer einen Konsens", beschwichtigt er. Nur bei "Die Fälscher" war das anders: "Nachdem uns Adolf Burger, einer der Überlebenden, am Set besuchte, hat keiner mehr Scherze gemacht."

Trotzdem hat ihm die Arbeit Spaß gemacht. Wie auch die an den beiden anderen, parallel gedrehten Kino- und Fernsehfilmen oder die vielen Theaterauftritte zwischendurch. Zwölf Filme im letzten Jahr, zusätzlich "Macbeth" in Düsseldorf und demnächst "Onkel Wanja" in Berlin. Dazu die dauerhafte Verpflichtung als Partner von Hannelore Hoger in "Bella Block". "Schauspielerei ist so eine sympathische Art, Geld zu verdienen", grinst er verschmitzt.

Kein Wunder also, dass er in diesem Jahr in zwei Filmen zu sehen ist, die im Wettbewerb der Berlinale gezeigt werden. "Yella" von Christian Petzoldt ist seine zweite Arbeit. Wieder einmal keine Hauptrolle, sondern "nur" der Mann an der Seite von Nina Hoss, seiner früheren Kommilitonin: "Eine Rolle soll gut sein, das Drehbuch stimmig, und die Kollegen müssen mir zusagen. Dann ist es mir absolut egal, wie große meine eigene Rolle ist, wirklich", beteuert er energisch. Die Rollenangebote werden immer größer und zahlreicher werden in der nächsten Zeit. Alles andere wäre ­ wie der wahre Kern von "Die Fälscher" ­ einfach nicht zu fassen.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Kambodscha verbietet Veröffentlichung einer Hollywood-Komödie
Ein Film, der die Zuschauer zum Lachen bringt, soll „Kingsman: The Golden Circle“ sein. Das wird er allerdings in Kambodscha nicht schaffen.
Kambodscha verbietet Veröffentlichung einer Hollywood-Komödie

Kommentare