Kein Wort zu viel

- "Schultze!". Viel mehr als seinen Namen weiß der Mann aus Deutschland nicht vorzubringen, als er fernab der Heimat ziellos durch Louisiana in den USA streift. Aber das muss er auch nicht, die Menschen verstehen ihn auch so. Womöglich besser als zuhause, wo er niemanden hatte, mit dem er reden konnte. Deshalb ist Schultze rechtzeitig geflohen. Vor seiner persönlichen Hölle des Vorruhestands in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt.

<P>Durch Zufall hat dieser Schultze nämlich im Radio "Zydeco" entdeckt, jenen wüsten Stilmix aus den amerikanischen Südstaaten, in dem sich Einflüsse dutzender Kulturen zu einem mitreißenden musikalischen Durcheinander vermengt haben. Die neu erwachte Liebe zu dieser Musik spornt Schultze an auszubüchsen, um dem drögen Alltag miefiger Routine zu entfliehen. <BR><BR>Ein verlogener und kitschiger Film hätte daraus werden können, aber Regisseur Michael Schorr ist mit "Schultze gets the Blues" ein kleines Meisterwerk gelungen, weil er der Versuchung widersteht, ein süßliches Märchen für Erwachsene daraus zu machen. Das mag daran liegen, dass er gelernter Dokumentarfilmer ist und einen nüchternen Blick auf die Bilder hat. </P><P>Hinzu kommt, dass Schorr Situationen und Landschaften, die er in den exotischen Filmländern Sachsen-Anhalt und Louisiana vorgefunden hat, auf sich hat wirken lassen. Auch hier macht sich seine Erfahrung bezahlt. Die Bereitschaft, sich mitunter gegen die Perfektion, aber für die Lebendigkeit zu entscheiden, macht diesen Film so besonders. Denn er bewegt sich durch die USA wie sein sympathischer Held Schultze: nicht eben elegant oder attraktiv, aber immer ehrlich und wohlwollend.<BR><BR>Es sind keine polierten, konstruierten Szenen, die er zeigt, sondern Schnappschüsse aus dem Leben eines Mannes, der - zum ersten Mal - einfach alles so nimmt, wie es kommt, und dafür in wenigen Tagen mehr Freundschaften schließt und mehr Erfahrung sammelt als in seinem gesamten Leben zuvor. Es ist das eine große Abenteuer, ohne das man nie wirklich gelebt hat. </P><P>Nichts Aufregendes in diesem Fall, aber dennoch sehenswert. Wie sich Schultze ohne ein Wort Englisch stundenlang mit einer Frau im Whirlpool unterhält, mit osteuropäischen Immigranten Schnaps trinkt oder in einem Musiklokal tanzt - das sind einfach wunderbare Momente, die gerade deswegen wirken, weil sich Schorr in der Inszenierung zurückhält. Kein Wort zu viel wird geredet, keine Posen werden eingenommen - es ist gelegentlich so, als würde man eine Dokumentation betrachten. <BR><BR>Das funktioniert vor allem, weil Schorr mit Horst Krause ein Glücksgriff gelungen ist. Dem ewigen Nebendarsteller gelingt mit seiner ersten echten Hauptrolle, was nicht vielen vergönnt ist: Krause wird Schultze, und man kann sich in dieser Rolle beim besten Willen niemand anderen vorstellen. Er ist ein echtes Filmwunder, dieser "Schultze!"</P><P><BR>"Schultze gets the Blues"<BR>mit Horst Krause,<BR>Harald Warmbrunn<BR>Regie: Michael Schorr<BR>Hervorragend </P>

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