Keine Kamera verlässt das Schiff

- Eigentlich ist es dem Gefängnisroman "Papillon" des Franzosen Henri Charriè`re zu verdanken, dass "Master and Commander - Bis ans Ende der Welt" im Kino zu sehen ist. Ein gewisser Patrick O'Brian, zunächst eher erfolgloser Schriftsteller, übersetzte das Buch ins Englische, wurde dadurch finanziell unabhängig und verfasste ab 1969 seine zwanzigteilige Romanreihe "Master and Commander". Die hat Regisseur Peter Weir jetzt auf einen 138-minütigen Film eingedampft.

<P>Auf den ersten Blick scheinen O'Brians Schmöker nichts anderes zu bieten als gepflegtes Hochsee-Gemetzel zu Zeiten der Napoleonischen Kriege. Bei genauerer Betrachtung bilden sie jedoch die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts erstaunlich genau ab, in allen grausamen und faszinierenden Einzelheiten. Im Mittelpunkt aller Bücher O'Brians wie auch nun im Film stehen der Royal-Navy-Kapitän Jack Aubrey und sein Freund, der Schiffsarzt Stephen Maturin.</P><P>Die Romane beziehen ihre Spannung aus dem Gegensatz dieser Protagonisten: Da gibt es den Haudegen Aubrey, einen jähzornigen und gelegentlich überraschend naiven Seemann. Ihm steht als Kontrastfigur der feinsinnige und den Zielen der Aufklärung verpflichtete Wissenschaftler Maturin zur Seite. Regisseur Peter Weir besetzte Aubrey mit Russell Crowe - und hat dadurch allein schon fast gewonnen. Dem in jeder Rolle bärbeißigen und virilen Crowe ist die Rolle des Aubrey auf den Leib geschrieben. Und Paul Bettany wirkt als der Intellektuelle Maturin noch feiner ziseliert und durchgeistigter als etwa in "Dogville".</P><P>Aus diesem Kontrast bezieht Weirs "Master and Commander" seine größte Kraft, seine besten Pointen, seine stärksten Momente. Weir begnügt sich mit treffenden Bildern, spart sich oft und angenehmerweise langatmige Dialoge. Da spielen der Käpt'n und sein Doktor Cello und Geige - und unauffällig handelt Weir dabei große Themen wie Loyalität, Freundschaft und Verrat ab. Der Rest ist Ausstattung und Action, genau in dieser Reihenfolge.</P><P>Das Budget war mit über 130 Millionen Dollar jenseits der üblichen Kosten-Schallgrenze für historische Kino-Scharmützel. Und man sieht wirklich jeden Cent. In naturalistischen Bildern, mit schwankender Kamera zeigt Weir eine Marine-Wirklichkeit, die so gar nichts mit dem goldbekränzten Heldentum anderer Seefahrer-Schinken gemeinsam hat: Der Wind ist rau, die Planken glitschig, das Essen sieht aus wie schon mal verdaut, die Männer saufen sich bewusstlos und schnarchen anschließend ohrenbetäubend. Pistolenschüsse sind meistens tödlich, auch die Hauptfiguren kommen nicht ohne Blessuren durch die Schlachten.</P><P>Durch einen Kunstgriff gelingt es Weir, die Zuschauer auf das Geschehen an Bord zu konzentrieren: In keiner Minute verlässt die Kamera das Schiff. Es gibt keinen Schwenk auf die französischen Verfolger, die bis zum Ende für den Zuschauer ebenso gesichtslos und unheimlich bleiben wie für die Mannschaft, es gibt keinen Schnitt zum Kriegsrat in London oder ähnliche Ablenkungsmanöver. Nur die Crew der "Surprise" ist wichtig.</P><P>Weir zeigt damit auf furiose Weise wieder einmal, was er am besten kann: eine in sich geschlossene Welt zu erschaffen, die eine sogartige Wirkung auf den Zuschauer ausübt. Das war schon in "Picknick am Valentinstag" so, in "Der einzige Zeuge" oder in "Club der toten Dichter". Auch diesmal geht sein Konzept auf. (In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Royal, Gloria, Münchner Freiheit, Autokino, Cincinnati, Gabriel, Cinema i.O., Museum i.O.)</P><P>"Master and Commander"<BR>mit Russell Crowe, Paul Bettany, Billy Boyd<BR>Regie: Peter Weir<BR>Sehenswert </P><P> </P>

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