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Nina Hoss in "Jerichow" zwischen Benno Fürmann und Hilmi Sözer (re.). 

Filminterview

Keine Männerfantasien

Regisseur Christian Petzold spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über Nina Hoss und "Jerichow", seine neue Kino-Arbeit.

Der Berliner Regisseur Christian Petzold (geboren 1960) ist einer der wichtigsten deutschen Filmemacher. Bekannt wurde er 2000 mit "Die innere Sicherheit", der den Deutschen Filmpreis gewann. Seitdem gehört Petzold zu den vielversprechendsten unter den hiesigen Regisseuren.

Regisseur Christian Petzold

Nach den jeweils preisgekrönten Arbeiten "Toter Mann", "Wolfsburg" und "Gespenster" gewann Nina Hoss mit "Yella" bei der Berlinale 2007 einen Silbernen Bären. Nun kommt "Jerichow" ins Kino, der bei den Filmfestspielen von Venedig 2008 Premiere hatte. Wie alle Filme Petzolds ein Werk voller Untertreibungen: ein genau beobachteter Psychothriller und ein kleines Meisterwerk.


Was wird in "Jerichow" erzählt?

Es geht um drei Menschen, die versuchen, anständig, loyal und liebevoll zueinander zu sein, doch das klappt nicht, und sie werden leider zu Kriminellen. Alle drei wollen sich etwas konstruieren: eine Heimat, eine Ehe, eine Leidenschaft. Aber Konstruktionen scheitern immer.

Ihr Film basiert auf der Vorlage "Wenn der Postmann zweimal klingelt", ein Film noir aus den 40er-Jahren. Was ist dieser Stil für Sie?

Film noir heißt, dass Menschen glauben, dass sie mit ihren Gefühlen, Trieben und Leidenschaften auf der richtigen Seite sind und gar nicht merken, dass sie im Grunde die anderen vernichten.

Sie zeigen stets viel deutsche Wirklichkeit.

Ich bin immer überrascht, wenn ich mir andere deutsche Filme anschaue: Eine Nervenheilanstalt oder das Arbeitsamt sehen dort oft aus, wie aus den 20er-Jahren - als ob wir immer noch die alten Bilder der alten Institutionen im Kopf hätten. Dabei ist das heutige Arbeitsamt mit Ikea-Möbeln eingerichtet und schaut ganz freundlich aus - trotzdem bekommt man keine Arbeit. Auch der "Gurkenflieger", ein Arbeitsgerät zum Ernten von Gurken, ist original. Benno Fürmann musste dort tatsächlich vier Stunden arbeiten und war dabei umgeben von Leuten aus Polen, die wahrscheinlich hochqualifizierte Studenten sind. Diese Art von Wirklichkeitswahrnehmung ist mir sehr wichtig.

Autos und Szenen im Auto spielen in Ihren Filmen  eine  große Rolle. Was fasziniert Sie daran?

Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind auf dem Rücksitz des Autos meiner Eltern deren komplette Halbscheidung erlebt habe - nicht am Essentisch oder beim Fernsehen. Das Auto ist eine unheimliche Druckkammer: Man kommt nicht raus, eine Ehe zerfetzt und zerfliegt einem vor den Augen. Während das Auto 100 Stundenkilometer fährt, verhandelt man seine Liebe. Diese Druckkammer Auto ist einfach ein großer, wichtiger Ort. In Deutschland wie in Amerika ist das Auto nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein sozialer Ort.

Schon zum vierten Mal spielt Nina Hoss in einem Ihrer Filme die weibliche Hauptrolle. Was macht Ihre Qualität aus? Was schätzen Sie derart an ihr?

Ich schreibe meine Drehbücher seit elf Jahren zusammen mit meinem besten Freund Harun Farocki. Wenn zwei Männer zusammen schreiben, vor allem einen Film noir, dann besteht immer die Gefahr, dass es eine reine Femme-fatale-Figur wird, eine Männerfantasie. Nina Hoss hat die Fähigkeit, solchen Männerfantasien ausdauernd genügend Kraft entgegenzusetzen.

Das Kino wandelt sich technisch wie stilistisch. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Kino ist die Erzählung der Industrialisierung. Mit ihr ist es entstanden. Kino ist öffentlicher Raum, das Phänomen eines Gemeinwesens. Darum tun Gespräche jedem Film gut. Das erlebt ja jeder Zuschauer ganz privat: Man geht normalerweise gemeinsam ins Kino, danach noch etwas trinken und redet über den Film. Da überprüft man sein Urteil.

Eine Gruppe ist klüger als jeder Einzelne für sich, und so etwas brauchen wir auch unter uns Filmemachern. Etwa über Filmpreise sollten prinzipiell Jurys entscheiden, keine Massenabstimmungen, bei denen es keine Diskussion gibt, sondern jeder zuhause mit einer DVD-Kiste sitzt - das Gegenteil von Kino. Eine Jury ist klüger als eine große Gruppe. Zurzeit ist das Kino in Deutschland zuwenig Teil einer Diskussion, aber genau die brauchen wir.

Sie inszenieren im März erstmals auf der Bühne: Arthur Schnitzlers "Der einsame Weg" am Deutschen Theater in Berlin. Warum?

Ich wollte es ausprobieren. Durch Nina Hoss habe ich manches Neue übers Theater erfahren - das mir vorher eher fremd war. Die Unterschiede sind heute wirklich eklatant: Früher konnte der Filmregisseur Visconti noch eine Essenszene über eine Woche drehen, bis alles perfekt war - das geht nicht mehr. Am Theater herrschen andere Produktionsbedingungen. Da kann man lange üben und proben. Das hat mich interessiert.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

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