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Brad Pitt spielt in „Killing Them Softly“ eine Mischung aus Auftragskiller, Unternehmensberater und mobilem Manager.

Neu im Kino: Brad Pitt als Auftragsmörder

In „Killing Them Softly“ gibt Brad Pitt mal wieder den eiskalten Profikiller. Doch der Film von Andrew Dominik ist nicht nur ein finsterer Gangsterthriller, sondern zeichnet vor allem ein pessimistisches Bild des siechen Amerikas.

Es braucht Opfer. Sonst kehrt das Vertrauen der Investoren nicht zurück. So lautet (egal, was die Keynesianer sagen) das Mantra der Wirtschafts- und Euro-„Retter“. Ganz ähnlich läuft es in der Welt von „Killing Them Softly“. Deren Ökonomie liegt danieder: Die illegale Pokerrunde von Mark Trattman (Ray Liotta, hurrah!) wurde überfallen, alle „Anleger“ sind verunsichert.

Nun hat Trattman einst einen Raub auf sein eigenes Geschäft vorgetäuscht, kam ungestraft davon. Die, sagen wir, „Regulierungsbehörden“ wissen sehr wohl, dass er diesmal unschuldig ist. Aber was hilft’s? Um das Rating der Schattenwirtschaft wiederherzustellen, gibt’s nur Eins: Trattman muss sterben. Und die wahren Schuldigen, zwei kleinkriminelle Kackspechte und ihr Auftraggeber, sowieso.

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Jackie Cogan (Brad Pitt) erklärt’s mit Bedauern: Er mag das System nicht unbedingt – aber erst recht keine Leute, die dessen Regeln missachten. Cogan ist eine Mischung aus Auftragskiller, Unternehmensberater und mobilem Manager. Er beseitigt die Aufschwung-Hemmnisse im Glücksspiel-Geschäft – bevorzugt professionell sauber und sanft.

Dass die Welt des (mehr oder minder) organisierten Verbrechens ein Spiegel ist von Wirtschaft und Politik, ist bei diesem Film kein wohlverborgener Subtext: Andrew Dominik hat George V. Higgins Romanvorlage „Cogan’s Trade“ aus dem Boston der Siebzigerjahre ins New Orleans des US-Wahljahrs 2008 verlegt. Wie ein Audiokommentar durchziehen den Film die Reden von Bush II., McCain, Obama.

„Killing Them Softly“ ist das tief pessimistische, grenz-zynische Panorama eines siechen, verfallenden Amerikas. Er schildert, mit teils mitfühlendem, teils spöttischem Abstand eine Männerwelt mit Hierarchien von Verlierern, in denen jene am ärmsten sind, die sich noch für große Nummern halten.

Treu bleibt Dominik dem Roman in Struktur und Sprache, im klaren, fast strengen Aufbau in großen Dialog-Duetten – hier kontrapunktiert durch Momente extremer, stilisierter Gewalt. Higgins war Großmeister der mit geradezu ethnographischer Präzision aufgezeichneten Dialekte, Rhythmen, Sprachticks.

Der Film gibt dazu den Charakteren Gesichter – und was für welche! „Killing Them Softly“ ist ein spröderes, sich langsamer an-, einschleichendes Meisterwerk als Dominiks elegischer Geniestreich „Die Ermordung des Jesse James...“. Sofort offensichtlich ist aber, wie großartig seine Darsteller-Rieg ist: So gut Pitt seinen Job macht – die Show stehlen ihm Ben Mendelsohn als dauervernebelter Russell, James Gandolfini als einstiger Star-Killer, der sich als trinkender, einsamer Ritter von der ganz traurigen Gestalt erweist.

Freilich: nur im Original. Klar, dass die Sprachpräzision kaum übersetzbar ist. Aber die Synchronisation verfehlt auch Tonfall und Klang des Films, zerstört mit pseudocoolem Slang und Einheitsstimmen die dichte Atmosphäre, verfälscht die Figuren. Für die deutsche Fassung gilt leider: Von der Wertung zwei Sterne abziehen!

von Thomas Willmann

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