Kindheit zwischen Cola und Mullahs

München - Eine Jugend zwischen Iran und Europa, eine gefühlvolle Geschichte über Toleranz, Selbstbehauptung und Nonkonformismus - jetzt hat die seit 1994 in Paris lebende iranische Emigrantin Marjane Satrapi ihren zweibändigen Comic "Persepolis" selbst fürs Kino umgesetzt. Das Ergebnis ist ein überaus spannender, zugleich berührender und herausfordernder Animationsfilm. Die Animation wirkt zugleich schlicht und elegant, ein wenig wie ein Holzschnitt.

Subtil wird das Schwarz-Weiß der Buchvorlage durch Grautöne und wenige, umso eindringlichere Farben ergänzt und treffend in Bewegung gebracht. Hübsch und überzeugend ist außerdem der Einfall, die Rolle der Satrapi im Original von Chiara Mastroianni sprechen zu lassen und die der Mutter von Mastroiannis Mutter Catherine Deneuve.

Erzählt wird weitgehend autobiografisch das Leben der Autorin. Als Kind erlebte sie die letzten Jahre der Schah-Herrschaft und die ersten unter dem Mullah-Regime. Vor allem jene Phase wird ausführlich geschildert, in der sich die Hoffnungen auf ein besseres Leben als Illusion erwiesen und der Aufbruch der Revolution in eine bleierne Schreckensherrschaft mündete. Beispielhaft für diese Entwicklung ist Satrapis geliebter Onkel, der unter dem Schah opponierte und nach dessen Vertreibung seinen bereits skeptischen Verwandten noch optimistisch "Vertraut dem Volk" erwidert - bevor ihn dann die Mullahs in die Todeszelle werfen. Entschieden erinnert Satrapi daran: Der Iran war immer ein laizistisches Land, die Revolution eine pro-westliche, die dann erst von den Mullahs reaktionär-fundamentalistisch ausgerichtet wurde. Trotz alldem ist "Persepolis" keineswegs eine Geschichtslektion oder ein politisches Traktat.

Voll menschlicher Wärme stehen vielmehr der Zusammenhalt der Familie und die zunehmenden Gefahren im Gottesstaat im Zentrum. In bezaubernder Weise gelingt es dabei, die Perspektive eines Kindes in ihrer Mischung aus Naivität und Klarsicht zu reproduzieren.

Bemerkenswert sind besonders die detaillierten Schilderungen einer Kindheit im Iran, wo Heranwachsende zunächst einmal kaum etwas von den Kindern in westlichen Ländern unterschied: Sie schwärmten für Punk-Musik und Adidas, liebten Pommes Frites und Coca Cola, bevor ihnen die religiösen Raser all dies als "westliche Dekadenz" verboten. Dabei überwiegt das Gefühl einer großen Enttäuschung über ein Land, das plötzlich verrückt spielt.

In "Persepolis" siegt die individuelle Selbstbehauptung. Dies gilt im doppelten Sinn, denn wenn Marjane in der zweiten Filmhälfte - zum Schutz vor Repressionen - nach Österreich geht, ist sie hier neuen Anfechtungen ausgesetzt. Insofern ist "Persepolis" auch weniger eine Arbeit über den Heimatverlust, als über die Freiheit, deren einzige Moral lautet: "Jeder hat immer eine Wahl."

(In München: Leopold, Eldorado, Cinema OmU, Theatiner Omu.)

"Persepolis"

von Marjane Satrapi

Urteil: Hervorragend 

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