Blinder Racheengel

"Don't breathe": Tragisches Drama statt Horrorthriller 

„Don’t breathe“ ist der Überraschungserfolg des Sommers – Fede Alvarez setzt nicht auf Schockeffekte, sondern auf die Wucht der Geschichte.

Wenn dieser blinde Kriegsveteran angestrengt in die Dunkelheit starrt, weil er ahnt, dass da noch jemand im Zimmer ist, und wie ein Raubtier den Kopf neigt, um besser hören zu können, dann bekommt man als Zuschauer tatsächlich Angst. Das vermeintliche Opfer, das begreift man jetzt nämlich, ist in Wahrheit weder hilflos noch unschuldig. Und die Täter, drei jugendliche Kleinkriminelle, wissen ebenfalls, dass sie ab sofort Freiwild sind. Denn der Mann, dessen Haus sie ausrauben wollten, ruft nicht die Polizei, er will die Eindringlinge auch nicht vertreiben. Er will sie auslöschen. Das leichtsinnige Trio ist in dem hermetisch abgeriegelten Haus gefangen.

„Don’t breathe“, der Überraschungserfolg dieses Kinosommers, ist zwar als Horrorthriller angekündigt, aber das trifft es nicht. Der Film ist eher ein tragisches Drama. Es geht nicht um Schockeffekte, es geht einzig um die Geschichte. Die erzählt Regisseur Fede Alvarez sehr gekonnt und im Grunde altmodisch, aber das ist genau die Stärke von „Don’t breathe“. Alvarez besinnt sich auf eine beinahe vergessene Kernkompetenz des Kinos: Er setzt Bilder bewusst ein, jede Einstellung folgt hier einer dramaturgischen Idee.

Höllenfahrt in einem Labyrinth aus Fluren und Zimmern

Wenn anfangs das trostlose Leben der Jugendlichen in einer heruntergekommenen Stadt gezeigt wird, versteht man, dass sie da raus wollen. Aber das geht eben nur mit Geld. Dieser Schauplatz ist der heimliche Hauptdarsteller des Films und steht für eine versagende Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Etwas ist kaputt im Land der Freien, in der Heimat der Mutigen. Nicht zuletzt spiegelt das der blinde Veteran, der beschlossen hat, sich über Recht und Gesetz zu stellen, weil er sich verraten und im Stich gelassen fühlt.

Kameramann Pedro Luque fängt das klaustrophobische Entsetzen mit seiner schwerelosen Kamera perfekt ein und zeigt eine Höllenfahrt in einem Labyrinth aus Fluren und Zimmern. Theaterveteran Stephen Lang als blindes und lange stummes Monster besorgt mit seiner eindringlichen Präsenz den Rest. Der Mann ist zum Fürchten und das liegt nicht am entstellten Gesicht. Auch die drei jungen Darsteller überzeugen und unterscheiden sich mit ihrer unprätentiösen Art und normalem Aussehen von den sogenannten Jungstars, die man sonst oft ertragen muss. Dass Alvarez am Ende ein, zwei dramaturgische Purzelbäume zu viel schlägt, sei ihm nachgesehen. Den John-Carpenter-Gedächtnispreis 2016 für das virtuose Erschrecken in geschlossenen Räumen hat er sicher.

„Don’t breathe“

Mit Stephen Lang, Jane Levy

Regie: Fede Alvarez

Laufzeit: 88 Minuten

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Green Room“ und John Carpenters Frühwerk mochten.

Zoran Gojic

Rubriklistenbild: © Sony Pictures Releasing GmbH/dpa

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