Großalarm in Hamburg nach Explosion an S-Bahnhof

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Im Kino der Seligkeit

- "Non, je ne regrette rien", singt die Piaf. Und man darf sicher sein, dass dieses Bekenntnis auch für Bernardo Bertolucci gilt. In seinem neuen Werk "Die Träumer" erklingt das Chanson am Ende eines Films, der voller Rock und Pop ist, die Wildheit des Mai 1968 in Paris rekapituliert, aber in einer Weise, wie man es noch nie gesehen hat.

<P>Ein Amerikaner in Paris: Man begegnet Matthew als staunendem Beobachter. Gleich zu Beginn trifft er die schöne Isabell und deren Bruder Theo, beide Kinder aus liberalem Milieu. Kino, Politik und Lebensgefühl verschmelzen schon in diesen ersten Szenen wie in den Gesprächen der Twens. Schnell freunden sie sich an, und als die Eltern der Geschwister aufs Land fahren, wird Matthew eingeladen, in die Wohnung einzuziehen.</P><P>Nun beginnt eine merkwürdige "Menage à` trois". Viel Action gibt es nicht, und doch passiert eine Menge. Vor allem schaut der Film seinen Figuren beim Leben zu: Aufstehen, baden, essen, lieben, reden, Filme gucken. Ganz unverklemmt schildern "Die Träumer" ihr Dasein zunächst als paradiesische Insel der Seeligen. Die Dreierbeziehung ist dabei eine geistige, die Leinwand-Erfahrung der drei deren Vermittlungsinstanz. Immer wieder schneidet Bertolucci Originalszenen aus anderen Filmen dazwischen oder parodiert diese. Und bei aller Verehrung holt die Regie dabei die Idole vom Sockel, versucht vorsichtige Umdefinitionen "heiliger" Szenen.</P><P>Hauptfunktion von all dem bleibt es, einen anderen Umgang mit Kino vorzuführen. Noch wichtiger für Bertolucci: dass Kino etwas mit Verführung, mit Sex zu tun hat. Der Regisseur erzählt den "Mythos 1968" als Geschichte einer eher privaten, oberflächlich betrachtet unpolitischen Entdeckungsreise. Elegant werden innere und äußere Vorgänge miteinander verschränkt. So sympathisch die drei in ihrer Neugier und Entdeckungslust, auch in ihrer Dekadenz sind, so präzis zeigt Bertolucci trotzdem auch Tristesse. Erst am Ende weht ein Luftzug den Lärm der Straße in den Salon. Die drei ziehen hinaus und verlieren sich in der Menge.</P><P>Noch hier wird das Abgegriffene vermieden, mit dem man 1968 in immer wieder gleichen Bildern schildert; nur beiläufig beschwört der Film die Ikonen jener Epoche. Wohltuend verzichtet "Die Träumer" darauf, den Aufbruch als Spinnerei Irregeleiteter abzutun - oder ihn wieder einmal in Extremismus und Terror enden zulassen. Ganz anders als Louis Malle nimmt Bertolucci das Pathos von einst wohltuend ernst, ohne in depressive Geschichtslektionen zu verfallen. Vielmehr bleibt der ganze Film bis zum Ende unvorhersehbar, findet er immer wieder neue Wendungen.</P><P>Am Ende folgt der Auszug aus dem Paradies, der auch einer ist aus der Verwechslung von Kino und Leben, die Befreiung von einer Bürgerlichkeit, nach der sich heute viele zurücksehnen. Bertolucci hält ihnen den Spiegel vor und thematisiert damit unsere Weltflucht in die Salons und Kinosäle. Aber er will etwas zeigen, nichts beweisen. Dabei ist er als Filmemacher so stark, wie seit "1900" (1976) nicht mehr. Und wenn alles charmant mit "Non, je ne regrette rien" ausklingt, gibt er sich selbst preis. Was will man von einem Regisseur mehr verlangen? (In München: Mathäser, Filmcasino, Leopold, Eldorado.)</P><P>"Die Träumer"<BR>mit Michael Pitt, Eva Green, Louis Garrel<BR>Regie: Bernardo Bertolucci<BR>Hervorragend</P>

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