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„Lieber zehn einzigartige Filme als 20 mittelmäßige.“ Quentin Tarantino, 52, bei der Deutschland-Premiere von „The Hateful Eight“ in Berlin.

Zum Kinostart von "The Hateful Eight"

Kultregisseur Quentin Tarantino im Portrait: Der Gott des Gemetzels

München - Er gilt als einer der wichtigsten Regisseure der Welt – und als wandelndes Kinolexikon. Quentin Tarantino hat eine unbändige Lust, Tabus zu brechen und Genres neu zu erfinden. Am 28. Januar kommt sein neuer Streich in die Kinos: ein Rachewestern.

Fast klingt es wie eine klassische Aschenputtel-Geschichte: Es war einmal ein jugendlicher Sonderling, aus dem ein Kult-Regisseur wurde... Quentin Tarantinos Mutter hatte sich als 15-jährige Schwesternschülerin von einem 21-jährigen Möchtegern-Schauspieler schwängern lassen. Der Bub, geboren 1963 in Tennessee, aufgewachsen in Kalifornien, war ein hyperaktiver Legastheniker, galt in der Schule als Versager und musste schon mit zehn Jahren die zweite Scheidung seiner Mutter miterleben. Mit 13 wurde er als Ladendieb erwischt, mit 16 schmiss er die Schule und jobbte als Kartenabreißer in einem Pornokino, dessen Betreibern er vorgelogen hatte, er sei bereits volljährig. Manch einer mag damals wohl gedacht haben, dass dieser Kerl eines Tages in einer Wohnwagensiedlung landen würde.

Sein Weg nach Hollywood war nicht leicht

Im Prinzip ist es auch so gekommen. Allerdings stand sein Wohnwagen am Set von mittlerweile legendären Filmen – und darüber hinaus gehört Quentin Tarantino seit 20 Jahren ein herrschaftliches Haus in den Hollywood Hills. Sein Weg dorthin war indes nicht leicht. Schon als Kind wuchs er mit Filmen auf: Weil kein Geld für einen Babysitter da war, nahmen ihn seine Mutter und deren Lebensabschnittsgefährten immer mit ins Kino – auch in keineswegs jugendfreie Vorstellungen. Als Jugendlicher schien er Filme förmlich zu inhalieren, wobei er nicht zwischen Hochkultur und Schund unterschied: Mit Vorliebe schlich er sich in schäbige Grindhouse-Kinos, in denen billige Horror-, Zombie-, Western-, Softsex- und Kung-Fu-Streifen liefen.

Allmählich eignete er sich als Autodidakt ein immenses Wissen an, das er weiter vertiefen konnte, als er fünf Jahre lang in einer gut sortierten Videothek in einem Vorort von Los Angeles arbeitete. Dank des kostenlosen Zugriffs auf alle Filme entwickelte er sich dort bald zu einem wandelnden Kinolexikon. Parallel dazu wollte er in Hollywood als Schauspieler Fuß fassen, brachte es jedoch nur zu einem Gastauftritt als Elvis-Imitator in der TV-Serie „Golden Girls“.

Lesen Sie hier: "Ich glaube, ich kann alles – außer Sex“" - Merkur-Interview mit Quentin Tarantino zum Kinostart von "The Hateful Eight"

Zur selben Zeit schrieb er auch seine ersten Drehbücher und versuchte, sie an den Mann zu bringen. Schließlich erklärte sich ein Produzent bereit, Tarantinos Regiedebüt „Reservoir Dogs“ zu finanzieren. Harvey Keitel, berühmt geworden durch diverse Scorsese-Filme, bekam das Skript in die Finger und war so begeistert, dass er als Koproduzent und Hauptdarsteller einstieg. Von da an ging alles ganz schnell: Weitere Stars wie Tim Roth oder Steve Buscemi sagten zu, der Film wurde ruckzuck gedreht und zum renommierten Sundance-Festival eingeladen, wo er einschlug wie eine Bombe. Schon die Eröffnungsszene dieses Krimis über einen misslungenen Raubüberfall ist symptomatisch – da unterhalten sich acht Gangster in einem Restaurant über Madonnas Hit „Like a Virgin“. Überhaupt finden sich in diesem Erstlingswerk bereits alle stilprägenden Elemente eines Tarantino-Films: ausgefeilte, ausufernde Dialoge, die für den Verlauf der Geschichte oft irrelevant sind; eine nicht chronologische Erzählweise; zahlreiche Anspielungen auf Filme und andere Werke der Popkultur; die explizite, meist extrem stilisierte oder satirisch überzeichnete Darstellung von Gewalt; rabenschwarzer Humor, coole Klamotten und ein spektakulärer Soundtrack.

"Quentin schreibt wie niemand sonst"

Bis heute hat Tarantino in seinen Filmen konsequent daran gearbeitet, diese Markenzeichen weiter auszubauen und zu perfektionieren. Die Idee, eine Geschichte in verschachtelten Rückblenden zu erzählen und seine Charaktere ausschweifend über Nichtigkeiten des Lebens schwadronieren zu lassen, hatte er von seinem Lieblingsschriftsteller Elmore Leonard übernommen. Dabei konnte der Filmemacher immer wieder ein unnachahmliches Gespür für kultverdächtige Sprüche beweisen: „Quentin schreibt wie niemand sonst“, konstatiert Tim Roth, der bereits vier Mal mit Tarantino drehte. „Schlechte Dialoge sind schwer zu lernen, weil sich irgendwas in deinem Kopf dagegen sträubt. Aber Quentins Zeug ist weich wie Seide.“ Das exzessive, teilweise äußerst makabre Zelebrieren von Gewaltausbrüchen ist hingegen inspiriert von den Trashfilmen, die Tarantino als Heranwachsender in vergammelten Vorstadtkinos kennengelernt hatte. „Ich liebe gute Gewaltdarstellungen im Kino“, bekennt er. „Wer das nicht mag, soll sich meine Werke eben nicht anschauen. Ich meine, es beschwert sich doch auch keiner darüber, dass es in einem Dick-und-Doof-Film zu viel Slapstick gibt, oder?“

Die Lust an der Genre-Neuerfindung

Mit unbändiger Lust am Tabubruch und an der Genre-Neuerfindung kreiert der Regisseur seinen typischen, wilden Mix aus blutiger Action und brillanten Textzeilen, aus B-Movies und Eins-a-Dialogen. Seine Filme widersprechen nicht nur den gängigen Hollywood-Konventionen, sie sind zudem völlig amoralisch und politisch unkorrekt: Tarantino scheut sich nicht, Psychopathen zu Protagonisten zu machen und sie schmutzige Sätze abfeuern oder ein sauberes Gemetzel anrichten zu lassen.

All das bescherte ihm seit seinem internationalen Durchbruch mit „Pulp Fiction“ eine stetig wachsende Fangemeinde. Obwohl er bislang erst acht Filme inszeniert hat (lukrative Angebote, fremde Drehbücher zu verfilmen, lehnte er stets ab), gilt er als einflussreichster Filmemacher seiner Generation – zahllose Regisseure haben versucht, ihm nachzueifern. Stars wie Samuel L. Jackson oder Christoph Waltz verdanken ihm ihren Weltruhm. Tarantino selbst wurde im Laufe der Zeit immer politischer: In „Django Unchained“ setzte er sich etwa mit Rassismus und Sklaverei auseinander, machte daraus aber keinen drögen Problemfilm, sondern verpackte das Thema in einen mörderischen Spaghetti-Western, der ihm seinen zweiten Drehbuch-Oscar einbrachte.

Jetzt schließt sich der Kreis zu "Reservoir Dogs"

Sein Opus Nr. 8, der Rachewestern „The Hateful Eight“, der am 28. Januar in den deutschen Kinos anläuft, handelt ebenfalls vom Rassismus in den Köpfen. Für Tarantino schließt sich damit der Kreis zu „Reservoir Dogs“: „Auch da wurde zuerst viel geredet, bevor es blutig wurde!“ Der Regisseur kündigte an, nur noch zwei weitere Filme drehen zu wollen: „Lieber zehn einzigartige Filme als 20 mittelmäßige. Außerdem will ich auf der Höhe meiner Kunst abtreten.“ Danach werde er sich aber keineswegs zur Ruhe setzen: „In meiner Schublade liegen einige angefangene Romane, die ich dann endlich vollenden kann. Oder ich betreibe ein kleines Kino, in dem ich alle meine Lieblingsfilme zeige. Eine schöne Vorstellung, oder?“

Marco Schmidt

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