Oscar-verdächtig

"Mustang": Brutal, zart und sozialkrititisch

München - „Mustang“ räumt mit dem Frauenbild des braven Weibchens auf. Mit zarten und zugleich brutalen Bildern wird die scheußliche Realität nicht einfach verdoppelt und wirkt dadurch besonders stark.

Duftige Bilder. Es ist Sommer, es ist warm, und das Meer rauscht verheißungsvoll ans Ufer. Mädchen und Jungs tollen wild in den Wellen. Die Schuluniformen nass auf der Haut. Dass diese zarte Erotik einen handfesten Skandal verursachen kann, will heute nicht mehr jedem in den Sinn. Doch ist es auch bei uns nicht allzu lange her, dass um die Sache mit der Jungfräulichkeit, eine der menschenfeindlichsten Wahnvorstellungen des Patriarchats, Symbol der Versklavung und Kastration der Frau, ein Riesenbohei gemacht wurde. Im türkischen Dorf in Deniz Gamze Ergüvens atemberaubendem, oscarnominiertem Film „Mustang“ herrschen genau solche Sitten. Die fünf Mädchen, die gerade noch fröhlich durchs Wasser tobten, werden von ihrem Onkel im Haus eingesperrt. Sie alle sollen nach und nach verheiratet werden. Die Familie als Kerker, die Ehe als Knast. Doch so leicht lassen sich Lale (Günes Nezihe Sensoy) und ihre Schwestern nicht kleinkriegen.

Mit ihrer harten Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse, mit ihrem Gespür für unglaublich zarte und brutale Bilder ist Regisseurin Ergüven ein wildes und feines, humorvolles und erschreckendes Werk gelungen. Dieses wirkt besonders stark, weil es sich nicht wie so viele sozialkritische Tränendramen damit begnügt, die ohnehin scheußliche Realität nur zu verdoppeln. Ergrünen lässt den verzweifelten Zuschauer nicht alleine, sondern gönnt ihm eine Flucht. Dass sie das Bild des wilden Pferdes mit den Mädchen in Verbindung bringt, ist nicht nur eine nette Metapher für den Titel, sondern Teil eines Frauenbildes, das dem der dressierten, braven Gattin und Mutter vehement widerspricht. Den Oscar hätte der Film verdient.

„Mustang“

mit Günes Nezihe Sensoy

Regie: Deniz Gamze Ergüven

Laufzeit: 97 Minuten

Hervorragend

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „The Virgin Suicides“ mochten.

Katrin Hildebrand

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