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In der schmutzigen Umgebung erscheint sie hell: Spionin Lorraine Broughton (Charlize Theron, li.), hier bei einem Aufeinandertreffen mit der französischen Agentin Delphine (Sofia Boutella).

Trailer zum Film

Kinofilm „Atomic Blonde“: Diese Frau ist ein echter Kerl

In „Atomic Blonde“ prügelt sich Charlize Theron durch die Männerwelt, dass einem schwindelig wird. Der ganze Film droht durch die maßlosen Aktion-Szenen zu zerreißen, gerät aber dadurch zu einem Ereignis.

München - Agent Broughton tut genau das, was Geheimdienstler in unserer Vorstellung so tun. Gegner skrupellos ausschalten, sich prügeln, eiskalten Wodka trinken, schamlos alle gegeneinander ausspielen und schöne Frauen verführen. Das Besondere an diesem Fall – Broughton ist eine Frau.

Im Berlin des Jahres 1989, unmittelbar vor dem Mauerfall, liefert sie sich einen rücksichtslosen Endkampf mit verfeindeten und verbündeten Geheimdiensten. Wer da mit oder gegen wen agiert und weshalb, das bleibt lange unklar. Klar ist nur – nichts ist so, wie es zu sein scheint.

Regisseur David Leitch rekonstruiert recht glaubwürdig das alte Berlin mit seinem morbiden Charme und bürdet Hauptdarstellerin Charlize Theron einiges auf. Als Heroine in einer schmutzigen Umgebung soll sie hell scheinen, den Männern um sie herum ordentlich Zunder geben und dann doch auch ein Geheimnis andeuten, das sie mit sich herumträgt. Und Theron meistert das alles in einer Manier, die man spektakulär nennen darf. So furios und dabei glaubwürdig hat sich selten eine Frau durch einen Actionthriller geboxt. Das wirkt nie albern oder aufgesetzt: Theron prügelt und wird verprügelt, dass einem schwindelig werden kann. „Atomic Blonde“ ist ihr eine Herzensangelegenheit gewesen, und das merkt man Theron an, die spätestens seit ihrem furiosen Auftritt in „Mad Max“ 2015 einen Weg für sich gefunden hat aus der Hollywood-Falle für gut aussehende Schauspielerinnen, die bald nicht mehr jung genug für die Rolle der Gefährtin des Helden sind. Sie ist jetzt einfach selbst der Held, und Theron wirkt mit dieser neuen Härte plötzlich viel attraktiver als in jungen Jahren; damals durfte sie eigentlich nur ihr hübsches Model-Gesicht ausstellen.

Sie ist genauso verkommen und rücksichtslos wie ihr britischer Kollege, den James McAvoy hingebungsvoll als schmierige Drecksau spielt. Sie sieht nur besser aus. Und ist noch ein bisschen gnadenloser. Sie muss es sein, sonst hat sie in dieser tödlichen Umgebung verloren, und der Furor, mit dem sie die Männer um sich herum verprügelt, rührt auch aus der Wut, nicht ernst genommen zu werden als Frau. Wer da den Fehler begeht, sie eine Schlampe zu nennen, kann schon mal mit Korkenzieher im Hals enden. Emanzipation der Frau mit den Mitteln des Mannes also – das ist eine zweischneidige Sache, wie Theron immer wieder ahnen lässt. Der Preis für den Respekt und die Selbstbestimmung ist hoch.

Neben dieser Geschichte einer Frau, die um das Überleben und die Anerkennung kämpft, gelingt es „Atomic Blonde“ tatsächlich, die Paranoia, den Zynismus und Fatalismus des Kalten Krieges zu rekonstruieren. Wie man im Osten Menschen einschüchtert und zu Verrätern macht, wie der Westen kühl daran arbeitet, die andere Seite ausbluten zu lassen, und dass dafür die einfachen Menschen den Preis zahlen, all das zeigt „Atomic Blonde“ eindringlich. Zwischendrin gibt es diese mitreißenden, völlig maßlosen Actionsequenzen, die erkennen lassen, dass hier eine Comic-Reihe als Vorlage gedient hat. Regisseur Leitch kann das verteufelt gut, zu dröhnender Musik und verführerisch montierten Bildern den Irrsinn entfesseln. Zwischendrin droht die Unwucht zwischen dem Ernst der Geschichte und den komplett unrealistischen Action-Einschüben den Film zu zerreißen, aber er hält und schleift einen mit. Ein Ereignis. Ach ja: Alleine der wunderbare Gastauftritt von Barbara Sukowa als schnippische Ost-Berliner Pathologin würde den Filmbesuch lohnen.

Zoran Gojic

„Atomic Blonde“

mit Charlize Theron

Regie: David Leitch

Laufzeit: 115 Minuten

Hervorragend

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Drecksau“ oder „Spy Game“ mochten.

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