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Zelebrieren ein unkonventionelles Lebensmodell: Anna (Trine Dyrholm, Mitte) und Erik (Ulrich Thomsen, rechts) gründen eine Kommune. Doch bald kippt die Stimmung in der gemeinsamen Villa.

Und dann kippt die Stimmung

Kinofilm "Die Kommune": Die Utopie des Zusammenlebens

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München - „Die Kommune“ erzählt von lockerleichter Aufbruchsstimmung – ist aber zugleich eine Liebes- und Familientragödie. Ein sehenswerter Film.

Mit einer Familiengeschichte wurde er berühmt. Thomas Vinterberg drehte mit „Das Fest“ den einzigen Spielfilm der „Dogma“-Bewegung, der statt eines am Reißbrett geplanten Experiments echtes Leben verströmte. Während „Das Fest“ zum Glück für Vinterberg keine Bezüge zur eigenen Biografie aufwies, trägt „Die Kommune“ sehr deutliche autobiografische Züge. Der Däne verbrachte seine Kindheit von neun bis 19 Jahren tatsächlich mit seinen Eltern in einer ähnlichen Wohngemeinschaft. „Das war eine verrückte, herzliche, tolle Zeit für mich inmitten von Nackten, Bier, hochgestochenen Diskussionen, Liebe und persönlichen Tragödien“, erinnert sich Vinterberg.

Die Handlung seines Films setzt Mitte der Siebzigerjahre ein: Erik (Ulrich Thomsen) verdient als Architekt nicht besonders gut. Den Großteil des Lebensunterhalts steuert seine Frau Anna (Trine Dyrholm) bei, die als Nachrichtensprecherin eine gewisse Berühmtheit erlangt hat. Als Erik sein Elternhaus erbt, eine riesige Villa, beschließen sie gemeinsam mit der halbwüchsigen Tochter Freja (Martha Sofie Wallstrøm Hansen), das Haus mit Leben zu füllen. Sie wollen eine Kommune gründen und mit Freunden unter einem Dach wohnen. Die erste Hälfte von „Die Kommune“ ist geprägt von dieser lockerleichten Aufbruchsstimmung, von der prickelnden Freude daran, etwas Neues zu wagen.

Die Stimmung kippt - das soziale Experiment beginnt

Doch dann kippt die Stimmung und Vinterbergs „Dogma“-geschulter Blick auf die Umwelt stellt sich wieder schärfer, beleuchtet das soziale Experiment. Die gemeinsamen Abendessen verlaufen zusehends angespannter. Weil keiner einkaufen war. Weil niemand in die Bierkasse einzahlt, aber alle trinken. Weil Erik sich schließlich in Emma verliebt, eine jüngere Ausgabe seiner Frau, und sie rücksichtslos in die WG hineinschiebt. Weil Abend für Abend das Leid der mit am Tisch sitzenden Verlassenen für alle sichtbar und recht bald unerträglich wird. Weil Anna irgendwann nichts mehr peinlich ist.

Thomas Vinterberg verrät seine Figuren nicht. Er belässt ihnen die Utopie des Zusammenlebens und löst den Konflikt schließlich unerwartet, aber überzeugend. Man spürt seine Sympathie für diese mehr oder weniger durchgeknallten Typen, die letztlich aber nur die Untermalung bilden zu einer großen Liebes- und Familientragödie. Trine Dyrholm zählt schon lange zu den wandlungsfähigsten, markantesten Gesichtern des skandinavischen Kinos. Dank Thomas Vinterberg und dank des Silbernen Bären als beste Darstellerin auf der diesjährigen Berlinale wissen es endlich alle.

„Die Kommune“

mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Fares Fares

Regie: Thomas Vinterberg

Laufzeit: 111 Minuten

Sehenswert

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Zusammen!“ oder „Das Fest“ mochten.

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