+
Auf einen Becher „Tigermilch“: Nini (Flora Li Thiemann, li.) und Jameelah (Emily Kusche) wollen erwachsen sein – und wie es Erwachsene machen, trinken auch sie Alkohol.

Mischung aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Tschick“

Kinoflim „Tigermilch“: Ein Prosit auf die Pubertät

  • schließen

Wir trafen die Hauptdarstellerinnen von „Tigermilch“ – Der Film nach Stefanie de Velascos Roman startet nächste Woche.

Für diese 30 Minuten möchte man noch einmal 14 sein. Wenn Flora Li Thiemann und Emily Kusche einem gegenübersitzen und vom Erwachsenwerden erzählen. So unschuldig und naiv im besten Sinne, wie es nur Heranwachsende können.

Interviewtermin im Bayerischen Hof. In kurzen Sommerkleidchen sitzen sie da. Die Augen geschminkt, Gloss auf den Lippen, die Haare geöffnet. Doch die Sitzhaltung verrät sie. Völlig unbedarft schlagen sie die Beine übereinander, ziehen sie während des Gesprächs immer wieder lässig an ihre Körper. Wie Amazonen in Jeans. Backfische, die ihre weiblichen Reize zwar optisch schon herausstellen, ihre ganze Wirkung aber noch nicht erahnen. Irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein.

Und damit die Idealbesetzung für „Tigermilch“, der neue Jugendfilm aus dem Hause Constantin. Eine Literaturverfilmung des gleichnamigen Debütromans von Stefanie de Velasco. Eine Mischung aus „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Tschick“. Und Achterbahnfahrt durch die ganze Gefühlswelt einer der schaurig-schönsten Lebenszeiten überhaupt – der Pubertät.

„Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gelesen habe, war ich schon erst einmal baff und hatte Respekt vor den Szenen, die da beschrieben werden“, gibt Flora zu. Verständlich, denn der Stoff hat es in sich. Babystrich, Abschiebung, Mord und Totschlag. Gute-Laune-Sommerkino klingt anders. Aber, versprochen, der Film – benannt nach der Milch-Maracujasaft-Mariacron-Mischung, die sie aus Plastikbechern schlürfen – ist es. Weil er in einfühlsam gedrehten Bildern davon erzählt, was Erwachsenwerden bedeutet.

Einen Sommer lang dürfen die Zuschauer die zwei jungen Berliner Mädchen bei ihren Großstadtstreifzügen begleiten. Neugierig auf alles, was da lauert in der großen weiten Erwachsenenwelt, verlieren sie ihre Jungfräulichkeit zur selben Zeit, im selben Zimmer, an zwei wesentlich ältere Familienväter. War es nicht schwierig, das zu drehen? „Das ist das Verrückte: Es war überhaupt nicht schlimm. Auch wenn es grenzwertige Szenen sind, hat es Spaß gemacht, weil du wusstest: Du machst Sachen, die du niemals in deinem Leben selbst machen würdest. Auf den Strich gehen, mit wildfremden Männern ins Hotel fahren. Das war cool, so etwas mal zu spielen“, erzählt Flora und strahlt ihr kindliches, von echter Begeisterung durchströmtes Lachen.

Dabei sind für sie beide das eigentlich Entscheidende gar nicht die Schocker-Aktionen, die ihre Filmfiguren spaßeshalber austesten. Flora und Emily fasziniert die Entwicklung, die ihre fiktiven Altersgenossinnen durchleben. „Die Nini, die ich spiele, macht eine krasse Entwicklung durch. Anfangs ist sie nur darauf fixiert, was ihre beste Freundin sagt. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem sie ihrem eigenen Gefühl folgt – und darauf hört, was ihr ihr eigenes Gewissen sagt“, erzählt Flora. Während sie spricht, wird ihre Stimme lauter. „Dazu muss man auch erstmal Mut haben, finde ich. Am liebsten würde ich genauso sein wie Nini. Das schaffe ich nicht ganz, aber sie hat mich echt inspiriert.“

Sind sie also selbst durch die Dreharbeiten erwachsener geworden? Emily, die im Film Ninis Freundin Jameelah spielt, überlegt. „Ich finde, Erwachsenwerden kommt von selber. Zu sagen: ,Ich bin jetzt erwachsen, weil ich das oder das getan habe‘ ist Quatsch. Irgendwann ist man erwachsen und hat das gar nicht gemerkt.“

Und wenn der Dreh sie auch vielleicht nicht erwachsener gemacht hat, so hat er ihnen doch vor Augen geführt, wie schön die Jugend ist. Denn ist es nicht so: Aus Erwachsenenperspektive schaut man den Film und träumt sich zurück zu den großen Ferien im Freibad, zu sternenklaren Abenden auf dem Spielplatz, mit der ersten heimlichen Zigarette in der Hand. Und sie beide erleben genau das jetzt, in diesen Tagen. Grinsen. „Stimmt, früher habe ich zwar oft gedacht, dass ich jetzt endlich 18 sein will, um machen zu können, was ich will. Jetzt denke ich mir: Mist, genieße jetzt erst einmal, so jung zu sein!“, ruft Flora – um dann ein bewundernswert un-naives Plädoyer für die Jugend zu halten. „Ich werde nicht jünger, insofern ist jetzt der jüngste Zeitpunkt in meinem Leben, den ich erreichen kann. Erwachsen ist man doch viel länger, als man jung ist. Deshalb sollte man erst mal richtig Kind sein und einfach das machen, was einem sein Herz sagt. Kinder nehmen alles mit so einer Leichtigkeit, ich finde, das sollte man beibehalten und dann wird man schon irgendwann von alleine erwachsen.“

Denn, mal ehrlich, Pubertät hat bei allen fiesen körperlichen und seelischen Herausforderungen ja auch ganz hübsche Vorteile. Emily sieht’s pragmatisch: „Als Erwachsener gehst du arbeiten und musst schauen, dass du über die Runden kommst. Jetzt hast du noch deine Eltern und musst dich um nichts ernsthaft kümmern. So eine unbeschwerte Zeit kommt wohl niemals wieder.“

Im Film endet die unbeschwerte Zeit abrupt. Der scheinbar ewig währende Sommer wird urplötzlich zum eiskalten Winter. Und Nini und Jameelah, die so gern schon Frauen wären, müssen lernen, was kindlose Machtlosigkeit bedeutet. Die Endszene rührt. Wenn man den Jungschauspielerinnen gesteht, dass man beim Ansehen weinen musste, folgt von beiden ein synchrones, ehrlich gerührtes „Ooooohhhh!“, wie es nur junge Mädchen ausrufen können. Ach, noch einmal 14 sein...

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Der Tote auf dem Nil wartet schon
Die neue Adaption von Agatha Christies „Mord im Orient-Express“, der seit 9. November in den Kinos läuft, ist große Kinokunst. Nun ist klar: Auch der nächste Fall von …
Der Tote auf dem Nil wartet schon
Neuer Film: Spielt Elyas M’Barek den per Haftbefehl gesuchten Mehmet Göker?
Die Geschichte um den Kasseler Ex-Versicherungsvertreter Mehmet Göker soll neu fürs Kino verfilmt werden. Gute Chancen auf die Hauptrolle hat "Fack Ju Göhte"-Star Elyas …
Neuer Film: Spielt Elyas M’Barek den per Haftbefehl gesuchten Mehmet Göker?

Kommentare