Das Kino-Jahr 2005

- Hamburg - Vom Krisengerede will die deutsche Filmbranche zum Jahresende nichts mehr hören: Stattdessen üben sich die Kinobetreiber und Filmverleiher nach dramatischen Zuschauereinbrüchen von quartalsweise bis zu 20 Prozent in einer seltsamen Meteorologie: Vom "Sommer im Herbst" berichten die Jahresbilanzen, weil das gute Wetter bis Anfang November dem Umsatz geschadet habe. Auf einem "heißen Winter" ruhen nun die Hoffnungen. Aber auch erwarteten Blockbustern "King Kong" und "Die Chroniken von Narnia" fehlte bisher die Kraft, die Trendwende zu bringen.

Als treuester Kassenfüller bewährte sich wieder Harry, der tapfere Zauberschüler aus Hogwarts. Dessen viertes Abenteuer "Harry Potter und der Feuerkelch" hat laut Media Control bald 7 Millionen Menschen ins Kino gezogen, rund 47 Millionen Euro eingespielt und ist damit umsatz- und besucherstärkster Film des Jahres. In der Gunst des Publikums watscheln die putzigen Pinguine aus dem Animationsfilm "Madagascar" mit rund 6,7 Millionen Besuchern knapp hinterher. Auf Rang drei bei den Besucherzahlen (5,6 Mio) brachte es "Star Wars: Episode III - Die Rache der Sith".

Vom eisigen Südpol kam die schönste Überraschung des Jahres: Der französische Dokumentarfilm "Die Reise der Pinguine" faszinierte in Deutschland weit über eine Million Kinogänger und schlug zum Beispiel "Batman Begins" um Längen.

Die Filmförderungsanstalt FFA hält sich in diesem Jahr mit Prognosen deutlich zurück und will erst im Februar konkrete Zahlen präsentieren. Dennoch schätzen Branchenexperten den Gesamtverlust 2005 auf zwischen 15 und 20 Prozent. "Ein ambivalentes Kinojahr", resümiert Johannes Klingsporn vom Verband der Filmverleiher (VdF) mit Zweckoptimismus. "Wir sind zuversichtlich, dass 2005 noch ein Jahr wird, das zwar nicht zu den besten in der Geschichte des deutschen Kinos zählen wird, aber auch nicht zu den schlechtesten."

Tatsache ist, dass 2005 deutsche Blockbuster gefehlt haben. Einen Hit wie "(T)Raumschiff Surprise", der im Vorjahr mit über neun Millionen verkauften Kinokarten erfolgreichster Film des Jahres war, gibt es nicht in jeder Saison. Deutsche Filme werden es nach ersten Schätzungen auf einen Marktanteil von rund 17 Prozent bringen, im Ausnahmejahr 2004 waren es sagenhafte 23 Prozent.

An der Kasse schnitt von den heimischen Produktionen "Die weiße Massai" mit 2,2 Millionen Besuchern am besten ab. Weitere neun deutsche Werke brachten es immerhin zum Ehrentitel "ZuschauerMillionär", darunter Til Schweigers "Barfuß", "Die wilden Kerle 2", "Alles auf Zucker", die Weihnachtskomödie "Es ist ein Elch entsprungen" und - ganz knapp - das für den Oscar vorgeschlagene Widerstandsdrama "Sophie Scholl - Die letzten Tage".

Das Filmangebot selbst sei aber nicht schuld an den schlechten Zahlen, meinte Klingsporn auf der VdF-Jahresversammlung in Berlin. Viele Werke sprächen eben eine kleinere Zielgruppe an. "Wenn "Sophie Scholl" "nur" gut eine Million Besucher gemacht hat, heißt das nicht, dass der Film schlechter ist als "Good Bye, Lenin!"." Dieser Film von 2003 hatte in seinem ersten Jahr 6,5 Millionen Zuschauer angezogen.

Dass auch die Kinos in den USA 2005 einen Umsatzrückgang von voraussichtlich knapp acht Prozent hinnehmen müssen, ist kein Trost viel zu eng sind Tops und Flops aneinander gekoppelt. Ein legendärer Reinfall wie die aufwendig beworbene "Legende des Zorro" mit nur 740 000 Zuschauern in Deutschland schmerzt die Branche global. Hollywood habe zu viel teures Mittelmaß produziert, es mangele an Ideen und kreativem Risiko, lautet eine Erklärung für die Schwäche. Raubkopierer richten auch viel Schaden an und werden rigoros bekämpft.

Doch ein weiteres Problem drängt sich ganz nach oben auf die Liste, und das ist im Prinzip hausgemacht: Die so genannten "Auswertungsfenster" der einzelnen Filme in den Kinos werden immer kürzer. Die Filmtheater haben immer weniger Zeit, ein Werk zu vermarkten, weil die Entertainment-Konzerne es rasch als DVD fürs Heimkino verkaufen. Eine Aufwertung des Kinobesuchs als "Event", die Abkehr von seelenlosen Multiplex-Palästen und ein größeres Augenmerk auf die reifere Zielgruppe "50 plus" werden als Gegenstrategien diskutiert.

Ohne gute Filme funktioniert das jedoch alles nicht im kommenden Fußball-WM-Jahr, für das sich die Kinos mit besonderen Programmen und Werbekampagnen rüsten. Gleich im Januar gibt es Highlights für die verschiedensten Zielgruppen: Der deutsche Regisseur Andreas Dresen erwärmt das Herz mit "Sommer vorm Balkon" (5.1.), Disney erfreut die Familie bei "Himmel und Huhn" (26.1.), und Fans des großen Ausstattungskinos können die Hollywood-Version des Bestsellers "Die Geisha" (19.1.) genießen.

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