Kinojahr 2007: Jubel über Oscar, Streit um Cruise

Hamburg - Florian Henckel von Donnersmarck strahlend mit dem Oscar in der Hand: Das ist eines der Bilder, mit denen sich das Kinojahr ins Gedächtnis gebrannt hat.

Der deutsche Regisseur bekam die höchste Auszeichnung für sein Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" als bester nicht englisch-sprachiger Film. Zweiter Mann des Jahres - zumindest in Sachen Aufmerksamkeit - war Superstar Tom Cruise. Doch der prominente Scientologe löste keinen Jubel in Deutschland aus, sondern Skepsis und Streit.

Cruise wurde in Düsseldorf mit einem Bambi geehrt - für seine "Courage", einen Film über einen gescheiterten Helden des Widerstands gegen Hitler zu drehen. Dem Drama "Walküre" (Valkyrie), das am 10. Juli 2008 startet, waren schon vor den Dreharbeiten in Berlin viele Schlagzeilen sicher. Dass Cruise, weltweit berühmtestes Mitglied der umstrittenen Scientology-Organisation, den Hitler- Attentäter Graf Stauffenberg spielt, stieß zunächst auf pure Ablehnung.

Da war es ausgerechnet der mittlerweile nach Hollywood gezogene Oscar-Gewinner Donnersmarck (34), der die Anti-Cruise- Stimmung drehte. In einem Artikel für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" erklärte er: "Warum Cruise Graf Stauffenberg spielen muss". Er begrüßte ausdrücklich, dass der Held aus den USA "sein Superstar- Licht auf diesen seltenen glanzvollen Moment im düstersten Kapitel unserer Geschichte werfen" wolle. Cruise bedankte sich auf seine Weise und zeigte bei jeder Gelegenheit ausdrücklichen Respekt vor der deutschen Geschichte. Doch dann kam der Bambi: Der wirre Auftritt des 45-Jährigen, der in dem Stauffenberg-Zitat gipfelte "Es lebe das heilige Deutschland", gab allen Bedenken neue Nahrung.

Als nächste deutsche Oscar-Hoffnung ist Fatih Akin auf Promotion-Tour nach Los Angeles gegangen. Sein vielfach ausgezeichnetes Meisterwerk "Auf der anderen Seite" wurde von deutscher Seite ins Rennen geschickt - ob es zur Oscar-Nominierung am 22. Januar reicht, ist ungewiss. Etwa 500 000 Besucher sahen den Film in Deutschland im Kino - das ist gemessen an den Blockbustern des Jahres wenig, aber für einen deutsch-türkischen "Kunstfilm" durchaus zufriedenstellend.

Insgesamt nicht glücklich sind die meisten Kinobetreiber mit den Besucherzahlen 2007. Schon in den ersten sechs Monaten zählte die Filmförderungsanstalt FFA 7,7 Prozent weniger verkaufte Karten als im Vorjahr. Dass der Abwärtstrend bis Silvester noch gedreht werden kann, ist unwahrscheinlich. Es fehlte inmitten etlicher Fortsetzungen und konventioneller Unterhaltung im Kino an großen Produktionen mit interessanten Themen, an Werken, die man einfach gesehen haben muss.

Zu den treuen Kassenfüllern gehörte wie immer Harry Potter. Der Zauberlehrling lockte in seinem fünften Abenteuer "Harry Potter und der Orden des Phoenix" mehr als sieben Millionen Menschen und führt die Jahres-Hitliste klar an. Den zweiten Platz haben die Piraten aus "Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt" gekapert (6,1 Millionen), gefolgt von der kochenden Ratte aus dem Disney- Animationsfilm "Ratatouille" (5,8 Millionen).

Nach einem glanzvollen Marktanteil von mehr als 25 Prozent im Vorjahr schnitten die deutschen Produktionen bisher eher enttäuschend ab: Kein Knüller vom Schlage des "Parfums" setzte die Branche ins Licht. Stattdessen kalauerte sich der bisherige Hit-Garant Michael "Bully" Herbig mit "Lissy und der wilde Kaiser" mühsam über Spielfilmlänge und tut sich mit bisher gut 2,2 Millionen Zuschauern sogar schwer, den vierten Teil der "Wilden Kerle" (2,4 Millionen) zu überholen. Kein Vergleich mit den mehr als neun Millionen Menschen bei Herbigs "(T)Raumschiff Surprise" (2004).

Das kommende Jahr verspricht dagegen wieder mehr "Event" im Kino: Gleich im Januar (10.1.) kommt Will Smith mit "I am Legend", der Verfilmung eines Science-Fiction-Klassikers. In den USA hat der Streifen schon einen Rekordstart hingelegt. Im März lässt Roland Emmerich in dem historisch völlig unkorrekten Spezialeffekt-Spektakel "10.000 B.C." Frühzeitmenschen gemeinsam mit Mammuts die Pyramiden erstürmen. Das lange Warten vieler Leseratten auf die Verfilmung des Bestsellers "Tintenherz" hat im März ein Ende, während die Entzugserscheinungen der "Sex & The City"-Fans mit dem Kinofilm zur Serie erst im Mai gelindert werden. Puren Spaß verspricht Steven Spielbergs vierte Auflage der "Indiana Jones"-Reihe im Mai. Und Tom Cruise wird mit seiner "Walküre" im Juli sicherlich wieder so manch ein Sommerloch stopfen.

Die erfolgreichsten Filme des Jahres (erfasst bis zum 16.12., nach Besucherzahl):

1.Harry Potter und der Orden des Phönix (7,1 Millionen Besucher)2.Pirates of the Caribbean - Am Ende der Welt (6,1 Mio)3.Ratatouille (5,8 Mio)4.Die Simpsons - Der Film (4,5 Mio)5.Shrek der Dritte (3,9 Mio)6.Mr. Bean macht Ferien (3,4 Mio)7.Spider-Man 3 (3,2 Mio)8.Nachts im Museum (3,1 Mio)9.Stirb langsam 4.0 (2,6 Mio)10.Die Wilden Kerle 4 (2,4 Mio)

(Quelle: Nielsen EDI, aus "Blickpunkt: Film")

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