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„Barfuß auf Nacktschnecken“: Unterhaltung ohne Zynismus

„Barfuß auf Nacktschnecken“ überzeugt vor allem durch die Schauspielerinnen Ludivine Sagnier und Diane Kruger. Sehen Sie hier den Kinotrailer und die Filmkritik.

Im Festivalgeschäft kursiert unter den Verantwortlichen für die Programmauswahl ein verräterisches Wort: „Crowdpleaser“. Ein „Crowdpleaser“ ist ein Film, von dessen cineastischer Qualität man nicht vollkommen überzeugt ist, aber von dem man sicher ist, dass er beim Publikum ankommt. „Barfuß auf Nacktschnecken“ lief bislang auf vielen Festivals, und man darf unterstellen, dass er nicht zuletzt deswegen ausgesucht wurde, um das Publikum gut zu unterhalten.

Um es klar zu sagen: Dass ein Film unterhält, ist alles andere als verwerflich. Die leicht zynische Einschätzung als „Crowdpleaser“ deutet freilich auf ein grundsätzliches Dilemma hin – solche Filme wollen ja nicht nur unterhalten, sondern zudem etwas Relevantes über das Leben aussagen. Anspruch und Wirklichkeit klaffen mal mehr, mal weniger weit auseinander.

Dieses Problem hat auch der Film von Fabienne Berthaud. Die Geschichte zweier ungleicher Schwestern, die sich erst nach dem Tod der Mutter wirklich kennenlernen, kommt mit dem Gestus tiefer Weisheit daher. Die wilde, jüngere geistig scheinbar etwas zurückgebliebene Schwester Lily (Ludivine Sagnier) lebt sorglos in den Tag. Ihre ältere Schwester Clara (Diane Kruger), eine kontrollierte Karrierefrau, kommt damit nicht zurecht. Berthaud inszeniert einen Zusammenprall der Kulturen, der wenig überraschend damit endet, dass die Ältere sich von den Fesseln bürgerlicher Konvention befreit und gemeinsam mit der Schwester das Leben im Hier und Jetzt auskostet.

Die Regisseurin, die hier ihren eigenen Roman verfilmt hat, beweist Gespür für Atmosphäre: Ihre Bilder sind stimmig, die Inszenierung hat Charme, und die Balance zwischen Drama und Komödie gelingt. Allerdings wirkt vieles sehr gewollt, behauptet und arg unglaubhaft. Denn es melangibt keine echte Handlung, die den Film vorantreibt, und so sehr die einzelnen Szenen für sich funktionieren, so wenig ergeben sie ein überzeugendes Ganzes.

Dennoch hält die wackelige Konstruktion bis zum Schluss, was an den sorgsam ausgewählten Hauptdarstellerinnen liegt: Ludivine Sagnier als unverstellte Lebenskünstlerin reißt den Film regelrecht an sich und zelebriert jede Szene. Diane Kruger, die in anderen Filmen nicht selten so wirkt, als habe sie sich für den falschen Beruf entschieden, verblüfft hier als etwas verbissene, cholische ältere Schwester mit einer beachtlichen Vorstellung. Diesen beiden Schauspielerinnen zuzusehen, tröstet über die Längen und Belanglosigkeiten hinweg. Aber das auch nur, wenn man getröstet sein möchte.

Zoran Gojic

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