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Burghart Klaussner (l) in einer Szene des Films "Das weiße Band" von Michael Haneke.

„Das weiße Band“: Die Saat des Bösen

München - Michael Haneke gelang mit seiner Gewaltstudie „Das weiße Band“ ein cineastisches Meisterwerk. In einer Hierarchie, in der Macht über jeder Art von Gefühl steht, werden Kinder zu Tätern, wächst eine Generation ohne Mitleid heran.

Nach dem stummen Vorspann dauert es eine Weile, bis die Leinwand heller wird. Es erscheint eine Landschaft. Man sieht Bäume, Wiesen, Zäune, und in der Tiefe des Bildes taucht ein Punkt auf. Aus dem Punkt wird ein Reiter, der sich in schnellem Galopp nähert. Im Bildvordergrund angekommen, stürzen beide und bleiben schwer verletzt liegen. Dieser vermeintliche Unfall ist erst der Anfang.

Ungewöhnliche Vorfälle häufen sich. Eine Landarbeiterin kommt ums Leben, der Sohn des ortsansässigen Barons wird entführt und misshandelt aufgefunden, eine Scheune brennt, ein Bauer begeht Selbstmord, ein geistig behindertes Kind wird gequält. Das Böse tritt hier nicht offen zutage, es schleicht sich ein. Die Suche nach den Tätern verläuft ergebnislos, nur dem Dorflehrer (Christian Friedel, Theaterpreisträger des Münchner Merkur) kommt ein schlimmer Verdacht. Warum sind die älteren Kindes des Ortes immer in der Nähe der Tatorte? Warum wirken ihre Zusammenkünfte nie kindlich-spielerisch, sondern eher konspirativ?

Michael Haneke ist Regiegroßmeister so intelligenter und sperriger Filme wie „Bennys Video“, „Funny Games“ oder „Caché“. Er seziert in dem Schwarz-Weiß-Film „Das weiße Band“, der in Cannes die Goldene Palme erhielt, die Grundlagen von Gewalt. In Bildern, die idyllisch erscheinen wie alte Aufnahmen aus dem Familienalbum, zeichnet er auf, wie autoritäre Strukturen aus der Nähe aussehen. Wie der scheinheilige protestantische Pfarrer seinen Kindern ein schlechtes Gewissen einimpft und mit dem Stock Gehorsam fordert. Wie der Gutsherr mit seinen Arbeitern umspringt. Wie der Dorfarzt seine Haushälterin demütigt. Hinter den blankgeputzten feudalen und patriarchalischen Fassaden lauern Abgründe. Ohne die Gewalt explizit ins Bild zu rücken, erschafft Haneke eine Atmosphäre von Bösartigkeit, Neid, Stumpfsinn und Brutalität.

Die Saat des Bösen, das illustriert der österreichische Regisseur in den Gesichtern der Kinder, geht auf. In einer Hierarchie, in der Macht über jeder Art von Gefühl steht, werden Kinder zu Tätern, wächst eine Generation ohne Mitleid heran. Die Brutalität durchdringt alle Gesellschaftsschichten, und Haneke beweist in prägnanten Szenen, dass Stefan Zweigs „Welt von Gestern“ am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein sentimentales Idyll war. Dass Demütigung, Drohung, Denunziation und Duckmäusertum zum Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie dem Nationalsozialismus führten, ist nicht neu. Man kennt das aus der Literatur, von Heinrich Manns „Untertan“ bis Remarques „Im Westen nichts Neues“. „Das weiße Band“ reduziert diese Überlegungen auf die kleinstmögliche Einheit, auf die Kinder eines brandenburgischen Dorfes 1913. Auf jene also, die später die Katastrophe Hitler erst ermöglichen werden. Hanekes schonungsloser Film veranschaulicht markant, wie Kinder den Sadismus, dem sie zuhause ausgesetzt sind, weitergeben an das nächstschwächere Glied und wie eine ganze Generation dem Faschismus entgegentreibt. Die menschliche Grausamkeit, erklärt Haneke in seinem beklemmenden Film, ist von jeher im Menschen angelegt. Und es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie ausbricht.

Mit hervorragenden Schauspielgrößen wie Burghart Klaußner, Ulrich Tukur, Josef Bierbichler, Rainer Bock, Susanne Lothar, Steffi Kühnert oder Birgit Minichmayr ist „Das weiße Band“ Haneke-typisch treffend besetzt. Am bemerkenswertesten sind aber die Kinder. Perfektionist Haneke, dessen sorgfältige Arbeit ohne Übertreibung jede einzelne Einstellung zu einem besonderen Kunstgenuss werden lässt, hat über 7000 kleine Darsteller gecastet. Die Mühe hat sich gelohnt, „Das weiße Band“ ist nicht zuletzt der eindrucksvoll agierenden Kinder wegen ein cineastischer Meilenstein geworden.

Von Ulrike Frick

„Das weiße Band“

mit Burghart Klaußner, Ulrich Tukur, Christian Friedel

Regie: Michael Haneke

Hervorragend 5 Sterne

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