Bluttat in Unterföhring: Polizistin wird wohl nicht mehr aufwachen

Bluttat in Unterföhring: Polizistin wird wohl nicht mehr aufwachen

In den Klauen der Vergangenheit

- Wenn Claude Chabrol einen Film dreht, handelt dieser im Grunde genommen immer vom gleichen Thema, dem diskreten Charme der Bourgeoisie. Das kann man negativ sehen im Stile von: "Dem fällt auch nichts mehr ein." Aber auch positiv - denn welcher andere Regisseur hat es geschafft, jedem Film eine derart unverkennbare Handschrift zu geben und sich selbst in 45 Jahren bei über 50 Werken stets treu zu bleiben?

<P>So ist auch "Die Blume des Bösen" wieder eine Variation von Chabrols Lieblingssujet. Das waren schon "Die Enttäuschten" 1958, und das waren auch die letzten Filme "Biester" oder "Merci pour le chocolat", denen die neue Produktion besonders stark ähnelt. Es geht also um die Verlogenheit des französischen Großbürgertums. Und die erste Kamerafahrt macht schon klar, was kommen wird. Ein herrliches Anwesen, wunderbar gelegen und erlesen dekoriert, kostbar vom Treppengeländer bis zur Türklinke. Der Chabrol-Kenner weiß: Je schöner und gediegener die Fassade, desto stärker stinkt die Leiche im Keller.</P><P>Das ist auch bei der Familie Charpin-Vasseur so. Inzest, Ehebruch, Bestechung, Verrat und Kollaboration im Zweiten Weltkrieg, Rache und Mord haben die Mitglieder der Familie nie davon abhalten können, seit Generationen die Geschicke ihrer kleinen Heimatstadt nahe der Atlantikküste zu lenken. In einer beklemmenden, raffiniert gespiegelten Dramaturgie zeigt Chabrol, wie sich die Geschichte wiederholt und die Phase der Vichy-Regierung bis heute die Nachfahren fest umklammert hält.</P><P>Da kann Franç¸ois (Benoî^t Magimel), hoffnungsvoller Spross der Charpin-Vasseurs, noch so lange im Ausland herumstreunen - kaum kommt er nach Hause, hat ihn die Vergangenheit fest in den Klauen. Und allzu bald sinkt er auch wieder mit seiner Halbschwester Anne (Nathalie Baye) zwischen die Bettlaken, mit der ihn schon vor seiner Abreise in fremde Länder eine unglückliche Wälsungen-Liebe verband.</P><P>Der Erzählrhythmus ist gemächlich, wie immer bei Chabrol, und nichts scheint die kunstvollen Salonplaudereien und vermeintlichen Beiläufigkeiten stören zu können. Man schlürft erlesene Weine und mokiert sich über die ungebildeten Amerikaner, und die Großtante (Suzanne Flon) blickt wachsam, aber stumm auf dem ganzen Tisch herum. Das kostbar eingerichtete Landhaus wird zum goldenen Käfig. Auf den zweiten Blick wird allmählich deutlich, dass die Familienmitglieder allesamt verzweifelt damit beschäftigt sind, diesem schönen Ambiente zu entfliehen. Vater Gé´rard (Bernard Le Coq) kann's nicht mehr, denn der liegt tot auf der sündhaft teuren Auslegeware. Über der Familie hängt ein Fluch. </P><P>Chabrol legt eine falsche Fährte nach der anderen und webt daraus ein feines, hoch elegantes Netz aus Intrigen und Verdächtigungen, in dem sich alle Charpin-Vasseurs verheddern. Dem eigenen Schicksal entkommt man nicht, scheint "Die Blume des Bösen" zu sagen. Und das ist viel hoffnungsloser und verzweifelter, als man es bei einem Alterswerk erwarten sollte. (In München: Filmcasino, Eldorado, Theatiner i.O.)</P><P>"Die Blume des Bösen"<BR>mit Benoî^t Magimel, Melanie<BR>Doutey, Nathalie Baye<BR>Regie: Claude Chabrol<BR>Sehenswert</P>

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