Der kleine Diktator

- "Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden." Diese Worte stammen von Thomas Mann, aus seinem Aufsatz "Bruder Hitler" von 1938. Darin skizziert der Dichter Hitler als fanatischen, "ganz und gar Schlechtweggekommenen", der angefüllt ist mit einer "tief schwärenden Rachsucht".

<P></P><P>In den folgenden Jahren versuchten sich viele Autoren daran, das "Phänomen Hitler" zu erklären. Die Abhandlungen sind mittlerweile Legion. Geholfen hat das wenig. Je näher man der Person kommt, umso unbegreiflicher wird sie. Tonbandaufnahmen, Filmdokumente haben zur Klärung wenig beigetragen. Zur Vermenschlichung dieser Bestie schon.</P><P>Hitler ist heute nicht mehr nur der geifernde, brüllende Kerl mit Schnauzbart, den man aus Wochenschauen, Dokumentationen und Filmen wie Chaplins grandiosem "Der große Diktator" kennt. Hitler ist heute auch der Privatmann, der mit seinem Schäferhund Blondi schmust, verschämt seiner Lebensgefährtin Eva Braun in die Kamera winkt und die Frauen seiner Domestiken charmiert. </P><P>Das Monster als Mensch, der Diktator ganz privat - ein riskantes Experiment, das in den letzten Jahren immer häufiger umgesetzt wurde. Dabei hat schon der Historiker Golo Mann in seiner "Deutschen Geschichte" erkannt: "Es schickt sich nicht, die Biographie eines Massenmörders zu schreiben. Wie er seine Abende verbrachte, welche Musik er bevorzugte, das alles gehört nicht hierher."</P><P>Filmregisseure haben sich bislang an dieses Credo gehalten. Wenn Hitler, dann nur als Parodie, Satire oder wenigstens mit entsprechender Überzeichnung. "Der große Diktator" war der Anfang. Weitere Produktionen wie Mel Brooks "Frühling für Hitler", "Hitler - Die letzten zehn Tage" mit Alec Guiness oder das TV-Drama "Der Bunker" mit Anthony Hopkins folgten. Nun wagte sich Bernd Eichinger an das heikle Unterfangen, als erster Deutscher dieses Thema zu variieren. Von ureigen deutschen Sensibilitäten bestimmt, sollte hier ein Opus magnum entstehen, das den größten Massenmörder aller Zeiten aus einem Blickwinkel der Nachgeborenen-Generation zeigt. Produzent und Drehbuchautor Eichinger und sein Regisseur Oliver Hirschbiegel stemmen ein Mammutprojekt, das die letzten Tage des "Dritten Reiches" zeigen soll - und scheitern damit auf hohem Niveau. </P><P>Ein Film, der Hitler als private Person abbildet, der quasi das Humanum sucht im Ungeheuer, der nasenhaargenau die letzten Lebensstunden der NS-Führungselite in Breitwandformat präsentiert - muss es den geben? Die Antwort ist ein klares Ja. Sofern die Nachwelt etwas daraus lernen kann. Über die Mechanismen der Verführbarkeit etwa. Über falsch verstandene Treue bis in den Tod, über Integrität und Moral. Wenig von alledem zeigt Hirschbiegels "Untergang". Eine Chance ist verschenkt. Ertrunken in einem Meer von akzentgenauer Mimikry, die alle Zwischentöne und charakterlichen Untiefen der Figuren (fast) einebnete, anstatt sie auszuloten. "Der Untergang" entlarvt die seit Hannah Arendt viel zitierte "Banalität des Bösen" nicht, sondern bedient sie. </P><P>Nach Ansicht Golo Manns dürfe es nicht von Interesse sein, ob der Diktator Bordeaux oder Champagner bevorzugte. Man weiß, dass Hitler weder das eine noch das andere Getränk zu sich nahm. Aber dass er sich für die Ravioli in Tomatensoße, seine letzten Mahlzeit vor dem Selbstmord, bei der Köchin bedankt - das will man ebenfalls nicht wissen. </P><P>Ravioli für das Monster</P><P>Weil es den Blick darauf verstellt, was Hitler auch war. Nicht nur der von Parkinson geplagte, alte Mann, der seiner Sekretärin gegenüber stets freundlich war. Als diese Figur stellt ihn Bruno Ganz jedoch dar. Diabolisch und erbärmlich zugleich soll das Spiel dieses großen Theaterschauspielers erscheinen - was man sieht, ist weniger: Zwar gelingt Bruno Ganz mitunter eine bewusst nüchterne Annäherung, doch das Monströse hinter der erschreckenden Ähnlichkeit wird zu selten sichtbar. Naturidentische Wiedergabe dieser Unperson der deutschen Geschichte darf nicht die allheilbringende Strategie sein, wenn es um die Darstellung Hitlers geht.</P><P>Wie eine distanzierte, eiswürfelkalte und dennoch heiß und schmerzlich brennende Interpretation der Täter im Idealfall aussehen kann, das zeigen Corinna Harfouch und Ulrich Matthes in ihrer Verkörperung des Ehepaars Magda und Joseph Goebbels. Den beiden gelingt es virtuos, gleichzeitig eine Art vielschichtiger negativer Empathie im Zuschauer freizusetzen - und auch den erforderlichen Abstand. </P><P>Gespenstisch sind alle Szenen, die sich jenseits der klaustrophobischen Enge des Bunkers abspielen. Die verzweifelte Situation der Zivilisten in der zerbombten Stadt Berlin zeigt Hirschbiegel beeindruckend intensiv und drastisch - als ob man sich in der endgültigen Dämmerung der Zivilisation befindet. Den immensen Schaden, den der menschenverachtende Nihilismus des Nationalsozialismus in Deutschland anrichtete, hier wird er spürbar. Der Rest ist Kunstgewerbe - mehr nicht. (Ab 16.9. im Kino.)</P><P>"Der Untergang"<BR>mit Bruno Ganz, Juliane Köhler, Corinna Harfouch<BR>Regie: Oliver Hirschbiegel<BR>Erträglich <BR></P> 

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