Als Klon in Kanada

- "In naher Zukunft" spielt diese Geschichte, wie der Untertitel zu Beginn drohend verkündet. Auf gewisse Art ist "Blueprint" also ein Science-Fiction-Film, nur ohne die normalerweise erwartbaren Weltraumkriege. Die Zukunft steht hier in anderer Form zur Diskussion: Es geht um das Klonen von Menschen. Schaf Dolly und seine Geschwister sind zur Handlungszeit des Films längst Geschichte. Doch die moralischen Bedenken gegen das Reproduzieren menschlicher Eizellen sind so groß, dass das Experiment, das ein ehrgeiziger Professor in "Blueprint" vornimmt, immer noch verboten ist.

<P>Die weltberühmte Pianistin Iris Sellin (Franka Potente) erfährt als Dreißigjährige, dass sie an Multipler Sklerose erkrankt ist. Um ihr Können der Nachwelt zu bewahren, beschließt sie, sich klonen zu lassen. Tochter Siri (als Erwachsene ebenfalls gespielt von Franka Potente) entwickelt sich plangemäß, bis sie als junge Frau vom eigentlichen Ursprung ihrer Existenz erfährt.</P><P>Die Seele ist verletzt, das Weltbild wankt</P><P>Rolf Schübel ("Gloomy Sunday") befasst sich in seinem elegisch und in vielen Rückblenden erzählten Film mit einer recht speziellen Mutter-Tochter-Beziehung. Die gerät in Bewegung, als Siri, schon durch den Namen nicht mehr als ein Anagramm zu Mama Iris, von ihrer künstlichen Zeugung erfährt. Die Seele ist verletzt, das Weltbild wankt, und die behütete Tochter empfindet ihr Dasein nur noch als das eines dressierten Versuchstiers.</P><P>Wie fühlt man sich als bloße Kopie eines anderen? Was unterscheidet einen Menschen vom nächsten? Welchen Einfluss haben Umgebung, Erziehung und Liebe auf einen Charakter? Das wären spannende Fragen gewesen, die Schübel allerdings nur kurz streift. Seine Siri wandert in die einsamen Wälder Kanadas aus und versucht, ein eigenes Leben zu führen, lernt einen Sägewerksbesitzer mit feschem Dreitagebart kennen, und erledigt sind die Problemchen, die man so hat als Klon.</P><P>Ein stilles, anspruchsvolles Drama über die Grenzen moderner Wissenschaft sollte "Blueprint" werden - plötzlich gerät der Streifen zur belanglosen Lovestory. Die Dramaturgie besteht aus der Zweiteilung in kanadische Gegenwart und Rückblicke. Diese zwei Leben der Siri Sellin unterscheidet Schübel sehr offensichtlich in Bild und Ton: Auf der einen Seite die unterkühlte, beengte Atmosphäre, die unerbittliche Kontrolle und erbarmungslose Formenstrenge bei Mutti am Klavier, auf der anderen Seite die sanfte Wildnis sonnendurchfluteter Baumkronen, die Weite der Natur und die Geräusche der Tiere im Wald.</P><P>Schübel hat "Blueprint" völlig auf seine als egomanische Mutter Iris brillante Hauptdarstellerin Franka Potente zugeschnitten. Die anderen, prominent besetzten Figuren erscheinen ausschließlich als Stichwortgeber. Das ist mitunter recht ermüdend, denn da Schübels eigene Meinung zum Thema Klonen schnell klar ist, gibt es keine Szene, die einen überraschen kann. Stattdessen winkt hinter der sehr arrangierten Katastrophe des Klonkindes derart unübersehbar der moralische Zeigefinger, dass man nach dem Film nicht einmal mehr über Dollys Schicksal reden möchte. (In München: Arri, Tivoli, Rio.)</P><P>"Blueprint"<BR>mit Franka Potente, Ulrich<BR>Thomson, Karoline Teske<BR>Regie: Rolf Schübel<BR>Annehmbar</P>

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