"Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen."

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Für „Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen.“ hat Barbara Weber die Musiker aus Oberammergau sechs Jahre begleitet. Ein Glücksfall!

Am Anfang des Films fährt Martin von Mücke, der schlaksige Tubist von Kofelgschroa, mit dem Radl zu seinen Ziegen. Er streichelt sie, melkt sie. Alles sieht ganz natürlich aus, vertraut. Dann Schnitt. Martin von Mücke in Großaufnahmen vor der Kamera. Frage an ihn: „Was haben denn Ziegen, was Menschen nicht haben?“ Er denkt kurz und sagt: „Zeit.“ Grinsen im Gesicht. „Ich mag halt auch die Art von denen, wie sie einfach nur das machen, was sie wollen.“

Bei Kofelgschroa, dieser vierköpfigen, urwüchsigen, eigentümlichen, ganz und gar wunderbaren Band aus Oberammergau, ist das anders. Sie müssen manchmal Dinge machen, auf die sie keine rechte Lust haben. Radiointerviews geben. Fernsehinterviews geben. Andauernd über ihre Musik reden. In einem großartigen Moment in Barbara Webers Dokumentarfilm sind Kofelgschroa in Berlin bei einem Radiosender im Studio. Die Journalistin moderiert das Gespräch an, alles ist live. „Euer Plan ist“, sagt sie zur Band, „Ihr kombiniert bairische Mundart...“ Weiter kommt sie nicht. Maxi Pongratz, der Sänger und Akkordeonspieler der Band, fährt ihr ins Wort. „Ist das so?“

Die Moderatorin unternimmt noch ein paar Versuche, das Gespräch zu retten. Aber dann kapituliert sie vor diesen dickköpfigen, melancholischen Bayern und drückt einen Knopf. Im Radio läuft jetzt ein Lied von Kofelgschroa. Währenddessen, die Kamera ist zum Glück noch an, pflaumt sie die jungen Männer an, dass sie sich professioneller verhalten müssten, dass sie ihr was anbieten müssten, das sei so bei Interviews. Man sieht es in den Augen der Musiker: Sie wollen nichts anbieten. Sie sind Herzblutmusiker und vielleicht auch Dauergrübler, keine Welterklärer. Noch nicht mal ihre Musik wollen sie erklären. Sie wollen, dass man sie hört.

Der Film „Kofelgschroa. Frei. Sein. Wollen.“ ist ein Glücksfall. Regisseurin Weber hat die anfangs blutjunge Band sechs Jahre lang begleitet. Es zeigt die Kofel-Burschen daheim in Oberammergau, beim Proben, in der Autowerkstatt, auf Tour, beim Herrgottschnitzen, Martin von Mücke geht in die Schnitzschule. Zwischenzeitlich löst sich die Band auf, verstreut sich in alle Winde und kommt wieder zusammen: natürlich in Oberammergau, am Fuß des Kofels, dem 1342 Meter hohen Hausberg des Passionsdorfes. Der Kofel ist sowieso eines der Leitmotive des Films. Er hat der Band ihren Name gegeben, und er ist auch dauernd im Bild, zu allen Jahreszeiten. Wie ein Stein gewordenes Auge, das die vier Männer auf ihren verschlungenen Pfaden begleitet.

Vor zwei Jahren hat Kofelgschroa eine erste Platte aufgenommen. Sie ist sofort durch die Decke geschossen. Die Band ist eine der größten bayerischen Neuentdeckungen der vergangenen Jahre. Wer sie noch nicht kennt, kann mit diesem Film direkt ins Herz der Kofelmusi vorstoßen. Wer sie schon kennt, wird eh seine Freude haben.

Stefan Sessler

Rubriklistenbild: © Südkino/Movienet

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