Kontrapunkt zur modernen Welt

- Eine Schafherde zwischen Straßen zeigt schon das erste Bild. So wird es immer weitergehen, im Kontrast zwischen Natur und Zivilisation: Ein Schäfer führt seine Herde durch die Berge, vorbei an Industrieanlagen. Ein Hirtenkollege wird gezeigt, der seine Hütte vom Hubschrauber auf den Berg pflanzen lässt. Wer hier also Schäferidyllen erwartet, wird enttäuscht. Es ist der kühle Realismus, die genaue Beobachtung, die an "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" von Erich Langjahr fasziniert.

<P>Sieben Jahre drehte der Schweizer Dokumentarist an diesem dritten Film über sein Lebensthema, den Kontrast zwischen bäuerlicher und moderner Welt, den er schon in "Sennenballade" (1996) und "Bauernkrieg" (1998) zum Sujet eines Films gemacht hatte. </P><P>Sein Markenzeichen ist die Geduld, mit der er einfach hinsieht und notfalls minutenlang wartet, bis auch das letzte Lamm noch eine Straße überkreuzt hat und der Autoverkehr auf ihr weitergehen kann. Das Hirtentum ist eine der ältesten Kulturformen. Sie geht mit eigener Lebenshaltung und Werteordnung einher. Zurzeit scheint sie, jedenfalls in Europa, zu verschwinden. Das mag man als Verlust begreifen - wobei sicher auch noch viele andere Sichtweisen der Dinge möglich sind.<BR><BR>Das einfache Leben als Freiheit wahrnehmen</P><P>Langjahrs Perspektive ist eindeutig. Er klagt das an, was er als Entfremdung zwischen Mensch und Natur empfindet, und feiert in seinem Schäfer Thomas einen urigen, wortkargen Menschen als Kontrapunkt zur modernen Welt. Er nimmt das einfache, naturnahe Leben als Freiheit wahr. </P><P>Die "elementaren Fragen des Menschen und seiner Existenz" will der Regisseur thematisieren. Immer da, wo er in dieser Weise grundsätzlich wird, wo er zu philosophieren versucht, ist der Film schwach. Denn zu sehr bestimmt dann Langjahrs vorgefasste Meinung den Film, nach der Stadtbewohner offenbar per se entfremdet und neurotisch sind, Landbewohner und besonders Nomaden wie sein Held hingegen frei, ihr Tun "sinnvoll". </P><P>Solche Wertsetzungen entsprechen nicht einer Erfahrung, die der Zuschauer auch machen und damit teilen kann, sondern sind Vorurteile.<BR>Dort wo "Hirtenreise ins dritte Jahrtausend" einfach objektiv hinsieht, kann der Zuschauer aber etwas Neues entdecken. Und er erkennt, dass zu dem, was "irgendwie wie Freiheit" ist, auch Härte und Entbehrung gehören, die ganz gewiss die meisten nicht selbst erleben möchten. <BR><BR>(In München: Theatiner.)<BR><BR>"Hirtenreise ins  dritte Jahrtausend"<BR>Regie: Erich Langjahr<BR>Sehenswert <BR></P>

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