Koreanische Lolita auf hoher See

- Ein alter Mann lebt mit einem 16-jährigen Mädchen auf einem Fischerboot. Er hat sie nach einem Schiffsunglück geborgen und auf dem Boot aufgezogen: Nie hat sie das Land gesehen und selten nur andere Menschen. Die beiden tun nicht viel außer ein bisschen Sport mit Pfeil und Bogen, ein Ritual inniger Vertrautheit und ein Orakel, das in ihren streng ritualisierten Alltag das Zufallsprinzip hereinlässt.

Zehn Jahre nach der Rettung will der Alte (Jeon Sung-hwan) nun das knospende Girl (hart an der Lolita-Grenze inszeniert: Han Yeo-reum) genau an ihrem 17. Geburtstag "heiraten". Doch die moderne Welt mit ihren Versuchungen in Gestalt junger Männer, glitzernder Technik und Popmusik lässt sich auch auf hoher See nicht dauerhaft fernhalten, und irgendwann muss sich das Mädchen aus den Klauen des realitätsblinden Alten befreien.

Ein Beziehungsmachtkampf auf See beginnt, der vor allem stumm, aber mit allen Mitteln ausgetragen wird. Für Fans des koreanischen Regisseurs Kim Ki-Duk, der zuletzt in Berlin und Venedig jeweils den Regiepreis gewann und neben Park Chan-wook der wichtigste Filmemacher seines Landes ist, ist "Der Bogen" eine echte Enttäuschung. Vor fünf Jahren hätte Kim aus diesem Plot noch einen atemberaubenden Film gemacht und ungesehene Bilder gefunden. Heute ist seine Arbeit über weite Strecken verschmocktes Kunsthandwerk, risikoloses Biedermannkino, kitschig und langweilig, bestenfalls ein ausgeleiertes Selbstzitat.

Gewiss, es geht ganz grundsätzlich und durchaus klug um das dialektische Verhältnis von Männern und Frauen, Freiheit und Gefangenschaft, Sadismus und Masochismus. Aber wirklich etwas zu diesen Themen zu sagen, hat Kim nicht, und man hat das alles von diesem Regisseur schon zu oft und weniger selbstgefällig berechnend gesehen. Gegen Ende jagt eine bedeutungsschwangere Metapher die nächste. Die Wendung ins Mythisch-Traumhafte, die der Film überraschend nimmt, wirkt vor allem wie eine allzu billige Ausflucht vor dramaturgischen Problemen - die zudem gut in den exotistischen Rahmen passt, den die asiatisierende Musik absteckt. So führt die schlichte Symbolik, die weder wirklich fesselt, noch provoziert, statt ins existenzielle Drama zu kühler Gleichgültigkeit. Der Verdacht, hier habe Kim vor allem seine Männerfantasien ins - schöne - Bild gesetzt, lässt sich nicht abschütteln.

(Ab morgen in München: Arena i.O.)

"Der Bogen"

mit Han Yeo-reum, Jeon Sunghwan

Regie: Kim Ki-Duk

Erträglich

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