Auf Kosten der Kunst

- Der Krieg ist der Vater aller Preise. Denn mit der Goldenen Palme für Ken Loach und dem "Großen Preis der Jury" für Bruno Dumont gingen die beiden wichtigsten Auszeichnungen beim wichtigsten Filmfestival der Welt an Werke, die sich mit Menschen im Krieg befassen. Und weitere Preise an den Weltkriegsfilm "Indigènes" sowie "Babel" vom Mexikaner Inárritu über den Krieg der Kulturen.

Eine Ausnahme bildete nur Almodóvars "Volver", mit dem sich die Cannes-Regel bestätigte, dass Favoriten nie die Goldene Palme bekommen. Loachs Sieg überraschte alle. Trotz der Redlichkeit seines Films über den Irland-Konflikt fand sich niemand, der ihn für Loachs bestes Werk hielt oder der Ansicht war, dass von ihm ein neuer künstlerischer Impuls ausgeht. Eher war es die moralische Fabel, die die Jury überzeugte, sowie die unausgesprochene Allegorie auf die Zustände im Irak. Nicht wenige mutmaßten, dass mit dem 70-Jährigen ein Kompromisskandidat siegte, weil sich die Jury nicht einigen konnte.

Es war kein schlechtes Cannes-Jahr. Wenn die Bilanzen trotzdem durchwachsen klingen, liegt das an den wenigen künstlerischen Neuigkeiten. Nur Dumont, Sofia Coppola, der Chinese Lu Ye und der Mexikaner Guillermo del Toro mit "Pans Labyrinth", einer bezaubernd-schrecklichen Fabel aus dem Spanischen Bürgerkrieg, einer Art Alice im Horrorland, zeigten ungesehene Bilder. Aber vier Filme von 20 sind für dieses Festival nicht genug.

Echte Entdeckungen boten nur die starken Nebenreihen: Dazu gehörten die sehr gelobten deutschen Beiträge "Sommer 04" von Stefan Krohmer und "Pingpong" von Matthias Luthardt, der gleich doppelt prämiert wurde. Auch "The Host" aus Korea und "Luxury Car" von Wang Chao hätten gut in den Wettbewerb gepasst. Beeindrucken konnten überdies "Day Night Day Night", ein russischer Film über eine Selbstmordattentäterin, und "Les amitié´s malé´fiques" vom Franzosen Emmanuel Bourdieu, der den Preis der Filmkritik bekam.

So wird Cannes 2006 als ein Jahr des Übergangs in Erinnerung bleiben, in dem das Festival mit ähnlichen Problemen zu kämpfen hatte wie die Berlinale: Entdeckungen sind rar, alte Meister entpuppen sich als Männer der Vergangenheit, und vieles ist von tagespolitischer Rhetorik und moralischem Engagement dominiert. Das geht zu oft auf Kosten der Kunst. So hofft man ein wenig auf die Herbstfestivals von Venedig und San Sebastian, für die bereits jetzt erste Beiträge angekündigt wurden, und rüstet sich in Gedanken für Cannes 2007. Dann feiert das Festival sein 60. Jubiläum und wird bestimmt beweisen wollen, dass es nach wie vor der Ort ist, an dem das Herz der Kinozukunft schlägt.

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