Die Kraft von Musik und Tanz

- Aktueller kann ein Film nicht sein: Deutschland hebt gerade wieder einmal an zu jammern, über die schlechten Noten, die sein Bildungssystem erneut erhalten hat. Und das neue Jammern fließt mit all dem alten zusammen, etwa dem über den Rückzug des Staates aus dem hochsubventionierten öffentlichen Kulturleben. Was ist uns die Bildung unserer Kinder wert? Soll Deutschland seine Stadttheater, Orchester und Ballette weiterhin fördern, und unter welchen Bedingungen?

<P>"Rhythm is it!" sollte angesichts solcher Fragen eine Pflichtveranstaltung werden für alle Bildungsminister und für all die Lamentierer, Belehrer, Bedenkenträger und Besitzstandswahrer in Politik und Kultur. Denn wie lebensnotwendig die Kultur ist, wenn sie eben mitten ins Leben der Menschen einbricht, das zeigt der Dokumentarfilm von Thomas Grube und Enrique Sá´nchez Lansch höchst eindrucksvoll.<BR><BR>Vor zwei Jahren startete "ZukunftBPhil" - eine Initiative der Berliner Philharmoniker, um die Arbeit des Orchesters und seine Musik Menschen unterschiedlichster sozialer und kultureller Herkunft zugänglich zu machen - einen Workshop an mehreren Berliner Schulen. Gymnasien waren ebenso dabei wie Hauptschulen in sozialen "Problem-Gegenden". Das Ziel: Nach fünfwöchiger Vorbereitung durch den britischen Choreographen Royston Maldoom sollten 250 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 22, die meisten völlig unbeleckt von klassischer Musik, eine getanzte Version von Igor Strawinskys "Sacre du Printemps" auf die Bühne bringen, gemeinsam mit dem Eliteorchester unter seinem Chef Sir Simon Rattle.<BR><BR>"Rhythm is it!" erzählt von diesem künstlerisch-pädagogischen Vorbild-Projekt, von Verunsicherung und Begeisterung der Jugendlichen, die erst durch mühsames Training ein Gefühl dafür bekommen, was das sein könnte, der eigene, zu Musik sich bewegende Körper. Von Einzelschicksalen berichtet der Film, von dem 15-jährigen Olayinka etwa, der kurz zuvor als Kriegswaise aus Nigeria nach Berlin kam und sich noch immer über manches dort wundert. Und er lässt Maldoom und Rattle erzählen, die trotz aller Abgründe des eigenen Lebens für immer verwandelt wurden von der Kraft von Musik und Tanz.<BR><BR>Ein berührendes Panoptikum des Menschlichen ist dabei entstanden, mit viel Gespür für Szenen, Gesten, Gesichter, sensibel rhythmisiert mit Ausschnitten aus Orchesterproben und Panoramen des trostlos-schönen winterlichen Berlin, auch mit ausgeklügelter Steigerung, geschickt musikalisch unterlegt. Ein gewisses Pathos bleibt nicht aus - ein Dokumentarfilm, der seine Sache so beredt vorträgt wie dieser, der darf das auch. </P><P>(In München: Isabella, Atlantis.)<BR><BR>"Rhythm is it!"<BR>Regie: Thomas Grube, Enrique Sánchez Lansch<BR>Sehenswert <BR></P>

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