Künstlerische Glanzlichter

Cannes: - Auf den ersten Blick herrscht die Hölle, doch cineastisch ist man nahe am Himmelreich bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes. Denn dem Kino nutzt es, wenn es in Grenzbereiche der Seele und der Moral vordringt, Exzesse auslotet, Ungesehenes zur Erscheinung bringt.

Apokalypse im Grenzland zwischen USA und Mexiko, ein Serienkiller in Kalifornien, Abtreibung in Rumänien, Frauen, die alles tun, nicht nur für Geld, und Männer, die frustriert sind, trotz vielerlei Reichtümern, böse Kapitalisten, Folterlager, Anwälte des Terrors - die Düsternis der Geschichten geht einher mit um so helleren künstlerischen Glanzlichtern an den ersten Tagen Festivals. Das gilt für David Fincher und die Coen-Brüder aus den USA gleichermaßen wie für die Franzosen Olivier Assayas und Barbet Schroeder. Enttäuscht haben bisher nur Michael Moore und auf äußert angenehme Weise Wong Kar-wai. Fast immer enttäuscht werden aber die Vorab-Erwartungen, denn fast allen bisherigen Filmen gemeinsam ist, dass sie frühere Werke ihrer Macher dementieren.

Wie "No Country for Old Men", der neueste Film der Coen-Brüder. In den letzten zehn Jahren drehten sie nur Komödien, die zunehmend seichter wurden. Nun aber zeigen sie ihr wohl dunkelstes Werk seit ihrem Debüt "Blood Simple" vor 22 Jahren, und es ist ihr bestes seit "Fargo". Zurückzuführen ist das wohl auch auf den Autor der Buchvorlage, Cormac McCarthy, den Apokalyptiker der US-Literatur. Der Film ist mit Tommy Lee Jones und Javier Bardem hochkarätig besetzt, spielt in Texas und erzählt von den Folgen eines missglückten Drogendeals. Ein ohne Manierismen und Effekthascherei inszeniertes, lakonisches Panorama der Sinnlosigkeit, dem man allenfalls latenten Zynismus vorwerfen kann, aber Zyniker sind bekanntlich unter der coolen Maske Hochsensible.

Das gilt auch für David Fincher. "Zodiac" über den gleichnamigen berühmten Serienkiller durchkreuzt alle Erwartungen auf eine Anknüpfung an Finchers archaische Serienkill-Tragödie "Seven". Im Zentrum stehen die Jäger des Mörders, Polizei und Medien. Der Film erzählt von Spuren, die kalt werden. Er tut das im melancholischen Stil des Film Noir: coole Gesten, heiße Herzen, Männerwelten, kalter Kaffee, wache Nächte, zuviel Drinks, zuwenig Liebe. Ein pessimistisches, aber überaus humanes Drama der Desillusionierung. Beide Filme eint, dass sie Zuschauererwartungen nicht bedienen, aber das Publikum beglücken: glänzendes Kino und klare Preiskandidaten.

Das wäre auch Olivier Assayas, würde sein Film nicht außer Konkurrenz laufen. "Boarding Gate" erzählt eine Liebesgeschichte zwischen Paris und China, spielt in den Welten der Gangster und Kapitalisten, die sich zum Verwechseln ähneln, und ist getragen von einer großartigen Asia Argento. Bis zum Schluss versteht Assayas‘ Kino der Poesie und Wildheit zu überraschen. Das kann man von Michael Moore nicht sagen: In "Sicko" über das marode US-Gesundheitssystem passiert, was bei Moore immer passiert: Reiche beuten arme Menschen aus, die Linke ist gut, Kapitalisten sind böse. Mag ja stimmen, nur ist das derart vorhersehbar, dass man den Film nicht braucht. Statt etwas politisch ernst zu meinen, dient alles als Anlass für billige Lacher.

Deutlich wird das im Kontrast zu Barbet Schroeders "Der Advokat des Terrors". Diese grandiose Dokumentation rekonstruiert das Leben von Jacques Vergès, jenem Anwalt, der zu de Gaulles Resistance gehörte und später algerische Attentäter, Dutzende Diktatoren, PLO-Terroristen, aber auch den Nazi-Schlächter Klaus Barbie verteidigte - immer auf der Seite derjenigen, die keinen Fürsprecher mehr haben, aber auch von einer Faszination für Gewalt und Geheimnisse getrieben. Schroeder zeigt, was Dokumentationen leisten können: Das Unvorhersehbare sichtbar machen, einer Faszination Gestalt geben, Geheimes enthüllen - wie gute Spielfilme auch.

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