Kunterbunte Pracht

- Das Triebleben war sein Lebenstrieb: Giacomo Casanova (1725-1798), Venezianer und Verführer, Aristokrat und Lebemann, Schriftsteller und Aufklärer, war vor allem maßlos, nicht nur in seinem Verhältnis zu Frauen, sondern auch beim Essen und Schreiben. Indem er sich als ungebundenes Subjekt seiner Triebe entwarf, war er ein Revolutionär, dessen Taten eine erstarrte Gesellschaft in die Bewegung der Leidenschaften und des experimentellen Lebens aufzulösen versuchten. Und doch war er zugleich ein Repräsentant eines Zeitalters, in dem alles in Fluss geriet und eine ganze Weltordnung vom Strudel der bürgerlichen Revolutionen weggespült wurde.

Ohne Rücksicht auf historische Fakten

Dieses wilde Leben hat seit jeher auch das Kino fasziniert: Genau in 98 Filmen taucht der legendäre Schürzenjäger zumindest als Nebenfigur - wie in "Münchhausen" - auf, knapp zwei Dutzend Mal hat man wenigstens Teile seines Lebens verfilmt. Am berühmtesten wohl Fellini ("Fellini's Casanova") oder Ettore Scola ("Flucht nach Varennes").

Nun also Lasse Hallström. Der US-Schwede ("Chocolat") nimmt die Figur zum Anlass, eine kunterbunt-disneyfizierte Rokoko-Kulisse mit schnellen Schnitten auf die Leinwand zu zaubern. Zur protzigen, etwas hohlen Ausstattungspracht muss aber noch die Handlung kommen. Und damit taten sich die Macher unverständlicherweise schwer. Offenbar wusste man mit dem antipuritanische Polygamisten und seinen 5000 Seiten langen Memoiren so wenig anzufangen, dass man noch etwas hinzuerfand und ihm flugs eine sehr puritanische "wahre Liebe" andichtete - als ob dann ein Casanova noch er selbst wäre.

Vom Dogen Venedigs zur Heirat gezwungen, bekommt der Lüstling Ärger mit der selbstbewussten Schwester der schüchternen potenziellen Braut und verliebt sich in die etwas spröde Frau (Sienna Miller), rettet sie vor einer schlechten Heirat und gar schrecklichen Intrigen (auch Jeremy Irons als finsterer Großinquisitor sieht hier ziemlich alt aus).

Ohne Rücksicht auf historische Fakten treten schöne Menschen in schönen Gegenden auf: Heath Ledger verkörpert den Verführer als harmlosen Teenie, der sich in alberner Strumpfhose durch die Gegend knutscht und grinst - ohne auch nur einen Hauch der Melancholie oder des Anarchismus, der diese Figur zeitlos interessant macht. Aus dem frivolen Egomanen, dem beißend scharfen Beobachter seiner Zeit ist ein zeitlos-läppischer, klebriger Schokolalen-Casanova geworden. (In München: Mathäser, Marmorhaus, Maxx, Royal, Filmcasino, Leopold, Cadillac, Cinema i.O.)

"Casanova"

mit Heath Ledger, Sienna Miller

Regie: Lasse Hellström

Erträglich

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Goldener Bär für Ungarn - Bester Schauspieler aus Österreich
Berlin - Ungarn holt erstmals nach 42 Jahren wieder den Gold-Bären. Und der Österreicher Georg Friedrich wird bei der 67. Berlinale zum besten Schauspieler gekürt.
Goldener Bär für Ungarn - Bester Schauspieler aus Österreich
Es wird spannend: Das sind die Favoriten der Berlinale
Berlin -  Ein Öko-Thriller oder vielleicht auch ein Flüchtlingsdrama: Bei der Berlinale gibt es ein paar Favoriten auf den Gewinn. Am Samstag fällt die Entscheidung.
Es wird spannend: Das sind die Favoriten der Berlinale
“John Wick: Kapitel 2“: Zu zäh um wahr zu sein
Mit „John Wick“ wurde Keanue Reeves endlich wieder erfolgreich, doch „Kapitel 2“ scheint zwar actionreich, aber wenig durchdacht zu sein. Ein Fehler.
“John Wick: Kapitel 2“: Zu zäh um wahr zu sein
„Fences“: Die Wucht der Worte
„Fences“ erzählt von Mauern, die aufgebaut werden, Worten, die eine Familie zusammenhalten und auseinanderbrechen. Ein Film, der zu Recht für einen Oscar nominiert ist. 
„Fences“: Die Wucht der Worte

Kommentare