Lachhafte Gurkentruppe

- Als ganz persönliche Rache will Leander Haußmann seinen neuen Film verstanden wissen. Schließlich haben die einem ja mehr als 730 Lebenstage geklaut. Die, das sind die Genossen der Nationalen Volksarmee, in deren Reihen jeder in der Deutschen Demokratischen Republik lebende junge Mann seinen Wehrdienst abzuleisten hatte.

Haußmann hat diese trübsinnigste Phase im Leben jedes DDR-Jugendlichen selbst durchlebt. Das verleiht seiner schrulligen Komödie rund um Gasmasken, Gepäckmärsche und die Grazien aus dem Nachbardorf eine mitunter sehr drastische Authentizität und auch die entsprechende Bitterkeit.

Zu Beginn des Jahres 1989 findet sich der sensible Schlapphut-Träger Henrik ("Echt"-Sänger Kim Frank) mit seinen Leidensgenossen in der Fidel-Castro-Kaserne irgendwo in der trostlosesten Provinz ein. Für jedes Individuum gibt es hier die passende individuelle Behandlung, plärrt der Oberst in die verschüchterten Bubigesichter, und genau so beginnt auch der Kasernenalltag. Aber Haußmann verfällt glücklicherweise nicht den einschlägigen Vorbildern. Filme über die armen, geschundenen Soldaten und die bösen Vorgesetzten gibt es aus den USA bereits genug. Vielmehr orientiert er sich an Robert Altmans Armeesatire "M.A.S.H.". Er demontiert Honeckers Hausmacht, die sich sogar in den letzten Monaten der DDR noch ausschließlich mit emsigem Gewehrereinigen und der Bewachung des "antifaschistischen Schutzwalls" die Zeit vertreibt. Doch im Gegensatz zu Altman, der eine Army-Einheit während des Korea-Krieges mit bösestem Spott bedenkt und wirklich tief ins Waffenarsenal des schwarzen Humors greift, bleibt Haußmann stets eher sanft.

Zwar ahmt er den elliptischen Regiestil Altmans mit viel Geschick und Gespür fürs Timing nach. Doch wo "M.A.S.H." ans Eingemachte geht, kratzt "NVA" leider oft nur ein bisschen am tarnfarbenen Lack der Kompanie. Aber das mag womöglich daran liegen, dass von der US-Army stets eine durch zahllose Kriegseinsätze angewachsene, ernsthafte Bedrohung ausgeht. Während die NVA vermutlich bis heute die einzige Armee ist, die einerseits stets für den Ernstfall gerüstet war, andererseits aber in vier Jahrzehnten in keine einzige Kampfhandlung verwickelt wurde und damit aus heutiger Sicht ohnehin schon wie eine lachhafte Gurkentruppe wirkt. Auch ohne Haußmanns zartbittere, liebevoll streichelnde Boshaftigkeiten.

(In München: Mathäser, Maxx, Arri, City)

"NVA"

mit Kim Frank, Detlev Buck

Regie: Leander Haußmann

Sehenswert

Auch interessant

Kommentare