Die lange Nacht der Jäger

München - "Seven", "The Game", "Fight Club", "Panic Room" - Filme von David Fincher sind immer ein Ereignis. Nicht allein wegen ihrer hervorragenden Qualität, dem unverwechselbaren Stil des Regisseurs, seinem Zuschauerverblüffungstalent, mit dem er mehr als einmal einen gesamten Film am Ende aus den Angeln hob und aufs neue Gleis einer völlig anderen Perspektive stellte.

Und das verbunden mit einem Unterhaltungswert, der den üblicher Hollywood-Bückware überbietet.

Im Gegensatz zu den meisten Kollegen gelingt es Fincher außerdem immer, mit seinen Filmen ins Herz der jeweiligen Epoche zu treffen und irgendeinen grundsätzlichen Aspekt seiner Gegenwart anzusprechen. Mit anderen Worten: Er arbeitet niemals unter Niveau.

 Nun also "Zodiac". Wer nur weiß, dass dies ein berühmter Serienkiller im Kalifornien der Sechzigerjahre war, könnte erwarten, der Regisseur knüpfe an seinen Erfolg "Seven" an. Aber der war fiktiv, "Zodiac" dagegen basiert auf einem historischen Fall eines enorm publicityträchtig Killers, der außerordentlich stark an seinem eigenen Mythos interessiert gewesen ist. Er schrieb Briefe an Zeitungen, codierte seine Nachrichten, spielte mit seinen Jägern Katz und Maus. Er wurde nie gefasst.

Fincher hält sich an diese Fakten, und wenn dies auch immer ein Spielfilm ist, so ähnelt er doch einem Dokudrama mehr als der archaischen Tragödie "Seven". Filme, die mehr Fragen aufwerfen, sind besser, als die, die auf alles eine Antwort wissen. Das stimmt zwar, aber es ist schwer, aus einer derart offenen Struktur einen Film zu machen, der auch funktioniert.

Mit "Zodiac" ist Fincher genau so ein Film gelungen. Ein Film, der alle Erwartungen negiert. Ein zutiefst pessimistisches, aber auch überaus menschliches Drama der Desillusionierung: Wie Hitchcock in "Vertigo" wird auch für Fincher San Francisco zu einem Ort, in dem die verschiedenen Zeichen sich nur noch virtuos bespiegeln, aber keinen Sinn mehr ergeben. Wie Preminger in "Anatomie eines Mordes" legt Fincher die Indizien auf den Tisch und sieht den Decodierern dann bei der Arbeit zu. Im Zentrum stehen diese Decodierer, die Fährtenleser, die Jäger des Killers, die Polizei und die Medien. Sie sind so verschieden wie ihre Darsteller, wie Jake Gyllenhaal, Robert Downey Jr., Mark Ruffalo und Anthony Edwards.

Der Film erzählt von Spuren, die kalt werden. Er tut das im Stil des Film Noir: Coole Gesten, heiße Herzen, Männerwelten, kalter Kaffee, wache Nächte, zu viele Drinks und zu wenig Liebe. "Zodiac" ist in seiner Nüchternheit großartig, freilich eher philosophischer Essay denn reißerischer Thriller.

Finchers Filme boten bisher immer eine Interpretation der Gegenwart, brachten etwas präzise auf den Punkt. Auch dieses Mal. Es ist die Praxis der Desillusionierung, von der "Zodiac" handelt und die auch der Westen gerade erlebt. Der Film zeigt, dass die Welt nicht immer, wie in "Seven", ein Text ist, der sich in jedem Fall dechiffrieren lässt. Manche Türen haben keinen Schlüssel. Fincher ist der Sokrates des Gegenwartskinos: Er weiß, dass er nichts weiß.

"Zodiac"

mit Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo

Regie: David Fincher

Hervorragend *****

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