Flucht aus dem Ghetto

"Lauf Jung Lauf": Eine wahre Geschichte

München - Holocaustfilme gibt es viele, niemals aber zu viele. Mit „Lauf, Junge, lauf“ verfilmte Pepe Danquart eine wahre Geschichte.

Holocaustfilme gibt es viele, niemals aber zu viele. Immer wieder tauchen neue, entsetzliche Facetten des Verbrechens auf, werden Biografien erzählt, die einzigartig sind, zugleich aber paradigmatisch für die Gräuel der Nazizeit stehen. Nicht jedes dieser Werke jedoch trifft den rechten Ton – und mancher Filmemacher glaubt, allein durch die Thematik großes Kino zu machen.

Pepe Danquart diskutiert in seiner Romanverfilmung „Lauf, Junge, lauf“ eine ähnliche Frage wie der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski vor Kurzem im Drama „Ida“. Beide Werke beschäftigen sich mit jüdischer Identität vor dem Hintergrund der Shoah. Beide Werke kontrastieren darin das Juden- mit dem Christentum. Während „Ida“ jedoch sehr abstrakt und konstruiert bleibt, geht „Lauf, Junge, lauf“ in die Vollen. Die Geschichte des kleinen Srulik (Andrzej und Kamil Tkacz) ist wahr und schier unglaublich. Mit neun Jahren gelang ihm die Flucht aus dem Warschauer Ghetto. Bis Kriegsende schlug er sich allein durch – mit polnischem Namen und erlerntem christlichen Gebaren, um ja nicht als Jude erkannt zu werden.

Danquart erzählt dieses Schicksal in traditioneller Machart ohne Extravaganz. Vollkommen zu Recht. Jedes Mätzchen, jeder Manierismus würde das reale Erlebnis dämpfen und in seiner Drastik schmälern. So erweist sich die klassische Form des Abenteuerfilms als sinnige Strategie des Regisseurs. Allein die oberflächliche Handlung könnte, wäre sie nicht so erschreckend real, an das (konstruierte) Crescendo des Grauens in Charles Dickens’ „Oliver Twist“ erinnern, freilich ohne dessen judenfeindliche Stereotype zu reproduzieren.

Damit allerdings ist das Potenzial des Filmes nicht erschöpft. Ganz nebenbei stellt er eine hochkomplexe Frage: Inwieweit gibt ein Jude mit der vollendeten Assimilation auch seinen Kampf gegen den Antisemitismus und das Unrecht auf?

Katrin Hildebrand

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