Lauter Passagiere

- "Wenn es Unfälle gibt, beginnt das Kino." Nur ein Scherz war diese Antwort Christian Petzolds nicht. Direkt nach der mit viel Applaus aufgenommenen Premiere seines neuen Films "Yella" im Wettbewerb der Berlinale stellte sich der Berliner Regisseur gestern mit seinen Darstellern der Presse. Tatsächlich beginnt "Yella" mit einem Autounfall. "Das Auto ist eine Kinomaschine", antwortete Petzold auf die Frage, warum Autos in seinen Filmen eine so große Rolle spielen. "Das habe ich vom amerikanischen Kino gelernt. Filme die mich fazinieren, handeln vom In-Bewegung-sein, vom Zustand des Transit. Die Figuren sind Passagiere. Darum gibt es bei mir oft Züge, Brücken, Hotels."

Auch die Titelfigur Yella ist ein Passagier. In 90 Minuten zeigt Petzold ihre Reise zwischen Ost- und Westdeutschland, zwischen Wittenberge ­ "einer Stadt wie aus einem Traum vom 19. Jahrhundert" ­ und Hannover. Yella entflieht ihrer Herkunft, verliebt sich und reist durch ein Deutschland, das von den Menschen der New Economy geprägt ist. Sie alle wollen etwas kaufen oder verkaufen, und auch die Gefühle scheinen mitunter zum Handelsgut geworden.

Das pessimistische Lebensgefühl ist in sorgfältig komponierte, minimalistische Bilder getaucht und wird umrahmt von Beethovens "Mondscheinsonate". Im Zentrum steht Yella, eine rätselhafte Frau, die immer nur ein rotes Kleid trägt und deren Leben mitunter von kurzen, merkürdigen Unterbrechungen gestört wird ­ eine romantische Figur.

"Es ist das Porträt einer Träumerin, die sich auch in einem Traumzustand befindet." Und Hauptdarstellerin Nina Hoss ergänzte: "Yella ist eine Frau, die nicht an das Scheitern glaubt, sondern die auf der Suche ist, die die Sehnsucht nach etwas Wirklichem treibt." Hoss arbeitet nach "Toter Mann" und "Wolfsburg" nun bereits zum dritten Mal mit Petzold. "Es macht einfach Spaß. Er ist einer der wenigen, die beim Dreh einen Raum und eine Atmosphäre schaffen, in der man als Schauspielerin nie in eine Leere fällt." Und ihr Gegenüber Devid Striesow, erstmals in einem Petzold-Film, ergänzte: "Man hat das Gefühl, einfach Zeit miteinander zu verbringen, gemeinsam zu reflektieren. Das ist menschlich sehr angenehm und hilft einem auch als Schauspieler."

Danach gab Hoss ein paar interessante Einblicke in Petzolds Arbeitsweise, die sich von der vieler Regisseure unterscheidet: "Es beginnt meistens mit einem Ensembletreffen. Man liest den Text einfach technisch, versucht zu verstehen und zu prüfen. Danach geht es darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Christian zeigt uns Filme, Fotos, spielt Musik ­ wir umkreisen die Themen, reichern uns mit Material an, um die Rollen emotional aufzunehmen. Am Drehtag gibt es dann, bevor Maske und Kostüm angelegt werden, immer noch kurze Gespräche und eine Probe."

Ginge es nur um künstlerische Qualität, hätte der deutsche Film mit "Yella" eine echte Bären-Chance. Dass Jurys aber oft nach ganz anderen Kriterien entscheiden, hat man allerdings gerade in Berlin oft genug erlebt.

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