Lauter verrückte Volten

- Eine gute Stunde lang ist es nicht klar. Handelt es sich bei dem sanft gruseligen "Lemming" nun um einen clever konstruierten Psychothriller, um eine düstere Liebestragödie oder eher um ein beklemmendes Gesellschaftsdrama? Die angenehme Überraschung ist, dass sich Regisseur Dominik Moll für eine Variante entscheidet und seinen mit immer neuen Volten versehenen Spielfilm auf eine wahrlich kuriose Weise beendet.

Bis dahin erlebt der Zuschauer eine erstaunliche Wendung nach der anderen. Alle paar Minuten wendet sich das Blatt, und dank der klugen Charakterzeichnungen und der sich ganz sacht und fein entwickelnden Story bleibt man dicht an den Figuren und ihren verblüffenden Lebensumständen dran. Seit den besten Hitchcocks oder Polanskis tappte das Publikum nicht mehr so lange im Dunkeln.

Mit seinem "Harry meint es gut mit dir" hat sich Moll auch in Deutschland als Erneuerer des altbekannten Thriller-Genres empfohlen.

Damals war der eigentümliche Harry Störenfried und gleichzeitig charismatischer Mittelpunkt der Handlung. Diesmal ist es ein kleines Nagetier aus Skandinavien, das sich in ein Abflussrohr in Südfrankreich verirrt hat, um dort im Haus des frisch gebackenen Ehepaares Bé´né´dicte (Charlotte Gainsbourg) und Alain (Laurent Lucas) Getty sein Leben auszuhauchen. Harmlose Kleinigkeiten im Alltag der jungen Leute verändern sich, doch diese Sandkörnchen im Getriebe sind erst der Auftakt zu weitaus schlimmeren Ereignissen.

Denn wie schon in "Harry meint es gut mit dir" zerstört auch hier das Fremde, Irrationale die traute Harmonie von Bénédicte und Alain. Und wenn Tiere im Zentrum der Geschichte stehen und sogar im Filmtitel genannt werden, weiß das aufmerksame Publikum ohnehin seit "Die Vögel", dass es ganz übel enden wird. Bis aus dem hübschen Häuschen der Gettys ein spärlich beleuchtetes Geisterhaus wird, übt sich Moll in der seltenen Kunstfertigkeit, enorme Spannung mit trockenem Humor zu verbinden. Mal Lynch, mal Kubrick, mal Hitchcock oder Chabrol - Moll will sich in seinem Erzähllabyrinth "Lemming" nicht so recht entscheiden. Das schwächt das Finale, aber nüchtern betrachtet kann die Lösung dieses so wunderbar verzwickten, alles miteinander verwebenden Rätsels ohnehin nur unbefriedigend sein. (Ab morgen in München: Filmcasino, Atelier, Theatiner i.O.)

"Lemming"

mit Charlotte Gainsbourg,

Charlotte Rampling

Regie: Dominik Moll

Sehenswert

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