Wie das Leben

- Seit drei Jahren hat der deutsche Film es leichter. Seitdem Dieter Kosslick die Berliner Filmfestspiele regiert, findet dieses Kino wieder statt im Rahmen des größten Filmspektakels hierzulande. Im Scheinwerferlicht, mit rotem Teppich und allem Drum und Dran: Stars und Sternchen, Pressekonferenzen und Blitzlichtgewitter. Unter dem Ex-Berlinale-König Moritz de Hadeln fristete die einheimische Filmproduktion eher ein Schattendasein: hier und da ein halbwegs bekannter Name, gelegentlich ein Kunstfilm für die anspruchsvolleren Gemüter.

<P>Das ist nun vorbei, Kosslick und Alfred Holighaus, dem profunden Kenner der deutschen Filmszene, sei Dank. In der Sonderreihe "Perspektive Deutsches Kino" will die Berlinale einen "Überblick über das junge, innovative Kino aus Deutschland" geben. </P><P><BR>Ein roter Faden, der thematisch alle Beiträge der Reihe lose miteinander verknüpfen könnte, lässt sich heuer im Gegensatz zu den vergangenen Jahren nicht leicht finden. Von Essen bis nach Halberstadt reicht die Bandbreite, es geht um die Münchner Schickeria, um Obdachlose in Berlin oder Plattenbauten in Jena. Mal dreht sich alles um die Fragilität der Liebe, mal um die Angst vor Einsamkeit. Vielleicht kann man als gemeinsamen Nenner nur eines finden: So vielfältig, bunt und facettenreich, wie sich die Bundesrepublik darstellt, ist auch die Auswahl dieser Reihe geworden.<BR><BR>Enorme Vielfalt</P><P>Wie sehr Deutschland in Bewegung ist, zeigt bereits der Eröffnungsfilm der Sektion, "Mitfahrer" von Nicolai Albrecht. Ein paar Menschen, die sich über eine Mitfahrerzentrale kennen gelernt haben, teilen für einige Zeit ihr Leben. In der Enge eines Autos treffen hier unterschiedlichste Schicksale aufeinander. Die Autobahnfahrt wird zur Möglichkeit, das eigene Dasein neu zu überdenken. Kunstvoll und intelligent reiht der gebürtige Münchner Albrecht seine heiter-melancholischen Episoden aneinander zu einem fein ziselierten Mosaik.<BR><BR>Ähnlich nüchtern beobachtend verhält sich auch Regisseur Jan Krüger in seinem spannenden Psychodrama "Unterwegs". Er schickt eine junge Familie zum Campingurlaub nach Polen. Auch hier bestimmt eine bemerkenswerte Zufallsbekanntschaft den weiteren Verlauf der Reise ebenso wie das weitere Schicksal des im Mittelpunkt stehenden Paares Sandra und Benni. Erinnerungen an Roman Polanskis "Messer im Wasser" sind inbegriffen.<BR><BR>Das von Alfred Holighaus so sachverständig komponierte Programm wird ergänzt durch einige qualitativ hochwertige Dokumentarfilme. "Flammend' Herz" von Andrea Schuler und Oliver Ruts etwa ist das feinfühlige Porträt dreier betagter Männer, deren Leben sich quasi neben den ausgetretenen Pfaden einer bürgerlichen Existenz erfüllt hat. Seit 50 Jahren sind Karlmann, Herbert und Albert befreundet. Ihre Herkunft ist völlig divergent, doch einte sie von der ersten Bekanntschaft an ihre Leidenschaft für Tätowierungen. Schuler und Ruts wissen mit viel Einfühlungsvermögen und immer sehr wahrhaftig von den bewegten und bewegenden Biografien dreier nahezu völlig tätowierter Männer zu berichten. </P><P>Es ist ein wirkliches Kunststück der Regisseure, die Alten niemals zu denunzieren - Angriffsflächen böten sie genug. Diese sorgfältige, ernsthafte und ehrliche Regiearbeit lässt sich dadurch erklären, dass Ruts selbst aus der Tätowierszene stammt. <BR>Sozusagen ebenfalls aus der Branche, über die er seine Dokumentation gedreht hat, kommt Holger Jancke. Er erzählt von der lange verschwundenen, hermetisch abgeschlossenen Welt der NVA-Soldaten, die den "antifaschistischen Schutzwall" zu bewachen hatten. "Grenze" ist die lakonisch witzige, skurrile und mitunter auch melancholische Geschichte fünf junger Männer, die Mitte der Achtzigerjahre auszogen, den Arbeiter- und Bauernstaat vor kapitalistischen Eindringlingen zu beschützen. <BR><BR>Bereits an diesen Beispielen zeigt sich, wie spannend, irritierend, verstörend, klug und oft auch einfach nur großartig deutsches Kino sein kann: eben wie das Leben selbst. </P>

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