Was vom Leben bleibt

München - Das große Mysterium im Leben bleiben dann doch die Menschen, die man eigentlich am besten kennen sollte. Der eigene Vater zum Beispiel oder die Geschwister. Diese These ist der rote Faden, der sich durch das Werk der amerikanischen Regisseurin Tamara Jenkins zieht.

In allen ihren Kurz- und Langfilmen hat sie das Thema immer wieder bemerkenswert originell variiert. Mit ihrem jüngsten Film trieb sie es virtuos auf die Spitze. Die Geschichte von Wendy (Laura Linney) und Jon (Philip Seymour Hoffman) Savage, die sich unverhofft um den demenzkranken Vater kümmern müssen, wirft alle Fragen auf, denen man sich im Laufe seines Daseins stellen muss. Und weil Jenkins gar nicht so tut, als wüsste sie die richtigen Antworten, ist das ein unprätentiöser, aufrichtiger und kluger Film geworden, der oft wehtut, weil er den Finger mit beachtlicher Präzision in die Wunden legt, die Familienmitglieder einander schlagen können.

Obwohl er stellenweise wirklich bitter wird, verliert sich der Film nie in Larmoyanz. Bruder und Schwester pflegen einen fatalistischen Humor, um sich vor der Verzweiflung zu schützen. Und so sind die mal rotzigen, mal widerstrebend zärtlichen Wortgefechte zwischen Wendy und Jon das Herz dieses Films, in dem mal schonungslos, mal verspielt über Sein, Nichtsein und den eigenwilligen Zustand dazwischen ­ das Leben also ­ sinniert wird. Es ist eine scheinbar leicht hingeworfene Skizze, in Wahrheit aber eine exakt strukturierte Apologie, in der die Familie vor sich selber in Schutz genommen wird.

Es ist ja wahr, Eltern treiben einen mit zunehmenden Alter in den Wahnsinn, Kinder wiederum entwickeln sich von freundlichen kleinen Wesen zu lästigen Besserwissern, die nie Zeit haben: Dennoch ist die Familie das Einzige, was einem bleibt, wenn alles andere vergangen ist ­ die Liebe, die Karriere, die Gesundheit. Und dann muss man sich erst einmal damit abfinden, dass man es vorher nicht begriffen hat. Diesen Prozess zeigt Jenkins, und das ist ihr Talent, lakonisch und punktgenau, ohne je ins Klischee abzugleiten.

Die Geschwister lernen sich nach Jahrzehnten wieder kennen und somit auch sich selber. All ihre Defizite werden ihnen durch die Spiegelung im anderen erst bewusst, aber Jenkins ist klug genug, daraus keine Läuterungssaga zu basteln: Wendy und Jon bleiben so unvollkommen, wie sie sind, aber immerhin wird es ihnen bewusst. Laura Linney als verhuschte und partiell lebensuntüchtige Träumerin, die sich mit Pillen ihre Welt schön schluckt, liefert eine fabelhafte Vorstellung ab, eben weil sie große Gesten vermeidet. Es ist das Leise an ihrem Spiel, das so berückend ist.

Der Autorin und Regisseurin Jenkins ist Linneys Figur erkennbar am nächsten. Ungeachtet dessen ist Hoffman als Emotionslegastheniker ebenfalls beachtlich. Die tiefe Melancholie eines Mannes, der weiß, dass seine Existenz auf einem Fundament von Selbstlügen steht, ist nuanciert und beklemmend intensiv. <üp> Ein Coup ist die Besetzung des verfallenden Vaters. Phil Bosco, einer jener bewährten Schauspieler, die immer für markante Nebenrollen besetzt werden, nutzt seine Chance, um den Produzenten zu zeigen, was für ein grandioser Könner da verkannt wurde. Seine Darstellung eines verbitterten, hilflosen alten Mannes ist bestürzend ehrlich und sorgt für die düstersten Momente in einem ohnehin nicht eben sonnigen Film. (In München: Tivoli, Cinema OV, Münchner Freiheit, Atlantis.)

"Die Geschwister Savage"

mit Laura Linney, Phil Bosco

Regie: Tamara Jenkins

Hervorragend

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