Leben mit einer weiblichen Seele

- Ein geschickter Kunstgriff belebt die ambitionierte Dokumentation "Between the Lines" des Münchner Regisseurs Thomas Wartmann und seines Kameramanns Thomas Riedelsheimer. Denn sie bilden das komplizierte Leben der Hijras, wie man in Indien die Eunuchen nennt, nicht einfach nur ab. Statt sich wie in einer konventionell arrangierten Reportage sofort auf die Objekte ihres Interesses zu stürzen, verfolgt die Kamera die Fotografin Anita Khemka bei ihrer Arbeit.

Die junge Inderin möchte einen Bildband über dieses so genannte "dritte Geschlecht" veröffentlichen. Wartmann und Riedelsheimer hefteten sich an ihre Fersen und begleiteten sie bei ihrer Recherche quer durch die riesige Stadt Bombay, durch die Rotlichtbezirke, die Arme- und Reiche-Leute-Viertel. Ein cleverer dramaturgischer Coup, denn ohne die Einheimische wären die deutschen Filmemacher vermutlich nur bis an die Schwelle eines Hijra-Bordells gekommen, aber sicherlich nicht bis zu deren Eltern nach Hause.

Überraschend offen sprechen die drei jungen Hijras Asha, Laxmi und Rambha über ihr Leben mit einer weiblichen Seele in einem Männerkörper. Sie lüften ihre schrillen Masken und erklären bereitwillig, wie sie in diese traditionelle und nach außen hermetisch abgeschlossene Gemeinschaft geraten sind, die sich auch im modernen indischen Alltag behaupten kann. Die Hijras sind überall vertreten, aber nie gerne gesehen. Weil sie betteln - und jeden verfluchen, der nichts gibt. Vor diesem Fluch fürchten sich sogar heute noch viele, und so meidet man die grell geschminkten, in bunte Frauenkleider gehüllten Transsexuellen, Kastraten und Hermaphroditen mit einer Mischung aus Furcht und Respekt. Riedelsheimers Bilder dieser exotischen und für westliche Sehgewohnheiten so ungemein fremden Welt faszinieren in ihrer Unmittelbarkeit und Farbenpracht.

Voyeuristisch wird "Between the Lines" jedoch nie. Zu straff sind die einzelnen Begegnungen zwischen der emanzipierten Fotografin und den aus einer längst vergangenen Zeit entsprungenen Eunuchen inszeniert. Wartmann und Riedelsheimer nehmen ihre Gesprächspartner ernst und lassen ihnen ihre ganz eigentümlich anachronistisch anmutende Würde. (In München: Neues Arena.)

"Between the Lines"

Regie: Thomas Wartmann

Sehenswert ****

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