Das Leben fühlt sich an wie immer

- Es gibt nichts Gutes, außer man tut es", wusste schon Erich Kästner. Und sein Satz könnte der Anstoß gewesen sein. Denn letztlich ist Kästner der Extrakt dessen, was Regisseur Hans Weingartner und seine Hauptfiguren in "Die fetten Jahre sind vorbei" umtreibt. Der junge österreichische, seit langem in Berlin lebende Filmemacher hat mit seinem Debüt "Das weiße Rauschen" vor drei Jahren für Furore gesorgt. Sein zweiter Film "Die fetten Jahre sind vorbei" war nun heuer der viel umjubelte erste deutsche Beitrag in Cannes seit langer Zeit.

<P>"Weingartner erzählt von sozialen Ungerechtigkeiten, von Widerstand und Anpassung, von großen Idealen und kleinen Eifersüchteleien. Seine beiden Helden Jan (Daniel Brühl) und Peter (Stipe Erceg) protestieren auf ihre Weise gegen die Auswüchse des Kapitalismus. Sie brechen nachts in Luxusvillen ein, stehlen aber nichts, sondern räumen das Mobiliar um und hinterlassen Botschaften wie "Sie haben einfach zu viel Geld". Kompliziert wird alles erst, als Jule, Peters Freundin, in die Aktionen hineingezogen wird.<BR><BR>Spätestens ab Februar ist sie ein Star<BR><BR>Jule, die in diesem Dreieck bei genauer Betrachtung spannendste, weil in allen ihren Reaktionen am wenigsten vorhersehbare Figur, wird gespielt von der gebürtigen Berlinerin Julia Jentsch. Die dürfte wenigstens Münchner Theatergängern bereits ein Begriff sein: Seit 2001 ist sie Ensemblemitglied der Kammerspiele. War unter anderem in Luk Percevals Inszenierung von Shakespeares "Othello" zu sehen. Spielt(e) die "Elektra" in Andreas Kriegenburgs Variante der "Orestie" von Aischylos und die "Antigone" im gleichnamigen Sophokles-Drama.<BR><BR>Einige der Inszenierungen, in denen sie mitwirkte, wurden von der Kritik in Grund und Boden gestampft. Julia Jentsch stört das nicht. "Ich kann so was aushalten. Und finde es auch gut, dass die Leute ihre Meinung sagen. Es ist in Ordnung, wenn manche Aufführungen das Publikum spalten. Theater soll nicht nur gefällig sein."<BR><BR>Und manchmal gefällt schließlich sogar die Provokation besonders gut: 2002 wurde sie von der Zeitschrift "Theater heute" als beste Nachwuchsschauspielerin ausgezeichnet. Auf derlei Meriten angesprochen, zuckt die 26-Jährige nur verlegen mit den Schultern und lächelt. "An großer Popularität liegt mir wirklich nichts", beteuert sie energisch. "Ich will meine Arbeit einfach gut machen. Wenn anderen das dann gefällt, freut es mich natürlich. Aber das ist auch schon alles."<BR><BR>Als der Film in Cannes seine Premiere erlebte und es nach der Vorführung Standing Ovations gab, "hat mich das unheimlich bewegt und irgendwie stolz gemacht. Aber am nächsten Morgen fühlte sich mein Leben schon wieder an wie immer - und das ist ja auch gut so." Auf der Straße oder abends in der Kneipe ständig erkannt zu werden, wäre ihr ein Gräuel: "So wie Daniel Brühl inzwischen lebt, als öffentliche Person, das wäre wirklich anstrengend für mich. Ich brauche meine Privatsphäre und will sie mir auch in Zukunft bewahren."<BR><BR>Das könnte schwierig werden. Selbst wenn weitere Theaterpreise auf Julia Jentsch niederhageln und sie auch nach dem Filmstart von "Die fetten Jahre sind vorbei" noch nicht von jedem beim Semmelnholen beobachtet wird - Ende Februar 2005 ist's mit der Idylle endgültig vorbei. Da kommt "Sophie Scholl. Die letzten Tage" in die Kinos. Regie führte Marc Rothemund, die Titelrolle spielt Julia Jentsch. Und das tut sie mit einer solch sanften Präsenz und gleichzeitig unbarmherziger Wucht, dass es gar nicht mehr anders geht: Nach diesem Film muss sie ein Star werden. Ob sie nun will oder nicht.</P>

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