Leben im Koma

- "Alle Funktionen stabil", sagt eine Krankenschwester in Michael Kliers neuem Film "Farland". Ein Blick in die Augen der Komapatientin und auf den Monitor, der die Lebensfunktionen anzeigt, reichen aus als Bestätigung: Status quo ist gesichert. Der komatöse Zustand zweier Unfallopfer: In "Farland" wird das zum Bild für eine Gesellschaft, die still steht, die sich mit einer Situation abgefunden hat und nichts tut, um irgendetwas zu ändern.

<P>Stillstand oder Aufbruch, Ankommen oder Weiterziehen, das war schon oft das Thema von Michael Klier, in "Ostkreuz" aus dem Jahr 1991 oder zuletzt in "Heidi M." mit der fabelhaften Katrin Saß in der Hauptrolle. In "Farland" ersinnt er eine neue Variante. Zwei Menschen werden an das Krankenbett ihrer Verwandten gerufen, Karla (Laura Tonke) zu ihrer Schwester und Axel (Richy Müller) zu seinem Sohn, den er vor Jahren verlassen hatte. Beide kommen zurück an einen Ort, den sie wohl nicht mehr als ihre Heimat bezeichnen würden. <BR><BR>Trostlose Architektur</P><P>Wie auch, das einstmalige Dorf muss einem Großflughafen Platz machen, die Menschen sind entwurzelt und wohnen in Neubaugebieten zwischen riesigen Einkaufszentren, unpersönlichen Hotels und Autobahnen. Sie befinden sich in einem Zwischenstadium, in einem Schwebezustand ohne natürlich gewachsene Verankerung, bereits jetzt im Terminal des zukünftigen Flughafens.<BR><BR>Behutsam und distanziert, aber sehr genau beobachtet Klier die Menschen in dieser Ödnis, einer künstlichen Siedlung zwischen Dorf und Großstadt. "Farland" sieht aus wie eine raffiniertere Variante der Überwachungswelt aus Kliers Film "Der Riese" von 1983. Die Figuren sind hier eingebettet, nicht in ein Netz aus Kameras, sondern in Konsumversprechen und Reklame, gelenkt durch die Architektur und die Entfaltungsmöglichkeiten, die diese bietet. Zwischen Coffee-Shop und Getränkeautomat, meist jedoch auf offenem Brachland findet das gesellschaftliche Leben statt. Persönliche Bindungen bleiben dabei auf der Strecke.<BR><BR>Klier und seine Co-Autorin Undine Damköhler zeigen feinfühlig und atmosphärisch die Beziehung zwischen den Menschen. Unverbindlichkeit ist das Gebot, man trifft sich zufällig, führt grundsätzlich kurz angebundene Handy-Telefonate, und wer weiß schon genau, was der andere wirklich im Sinn hat. Gefühlskälte, klar, aber auch die scheint sich aufzulösen in einer grauen, indifferenten Stimmung: weder Sommer noch Winter, sondern einfach herbstliche Trostlosigkeit. Verständnis für den Mitmenschen, gegenseitiges Vertrauen, das gibt es, aber es überrascht immer, wenn es auftaucht. </P><P>(In München: Atlantis.)<BR><BR>"Farland"<BR>mit Laura Tonke, Richy Müller und Daniel Brühl<BR>Regie: Michael Klier<BR>Hervorragend </P><P><BR> </P>

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