Der Tod als leere Mitte

- Ein etwa 15-jähriger Junge fährt auf seinem Skateboard durch eine scheinbar wohlgeordnete, wenn auch ein wenig triste Vorstadt - irgendwo in Kalifornien. Man hört Musik und seine Stimme aus dem Off. Dann macht er Rast, setzt sich auf eine Parkbank und erschießt sich.

<P>Das war Ken Park, nach dem dieser Film benannt ist und dessen Tod so etwas wie die leere Mitte dieses Films bildet. Man sieht Momentaufnahmen aus dem Alltag mehrerer Jugendlicher, die allesamt der Skater-Szene angehören, alle irgendwie, irgendwo mit Ken Park zu tun hatten. Ein Junge zum Beispiel lebt bei sei seinen Großeltern, die Applepie backen und mit ihm nachmittags Scrabble spielen, während sie gar nicht merken, dass er sich immer mehr abkapselt und zum Sadisten entwickelt. Ein anderer leidet unter seinem Vater, der ihn schlägt, weil er "kein richtiger Mann" ist, ihn mutwillig drangsaliert. Eine Tochter erhält von ihrem verwitweten Papa ständig Bibellesungen und Vorträge über die "Hure Babylon". Dabei denkt sie eigentlich nur an die heimlichen Treffen mit ihrem Freund. Und ein weiteres Mädchen wird von seinem Freund mit der eigenen Mutter betrogen . . .<BR><BR>Amerika besinnt sich auf sich selbst. Das ist nicht neu, dazu brauchen die Amerikaner weder Michael Moore, noch einen 11.September. Bereits in den Neunzigern begann sich ein Sinn für die Krise und die Gefahren, die aus dem Alltag kommen, im US-Kino breit zu machen. Filme wie beispielsweise "American Beauty" oder "Happiness", zuletzt "Elephant" (Ed Lachman) zeigten, wie brüchig scheinbare Selbstverständlichkeiten des Wohlstandsalltags westlicher Gesellschaften in Wahrheit sind: Das Herz der Finsternis liegt im ganz Normalen.<BR><BR>Einer der frühen Analytiker dieser Lage war auch Larry Clark. Begonnen hatte er als Fotograf mit seinen Bildbänden "Teenage Lust" und "The Perfect Childhood". Dann folgte sein erster Film, der Welterfolg "Kids". Das Drehbuch zu diesem Film schrieb US-Kultautor Harmony Korine, der auch jetzt das Script zu "Ken Park" verfasste - dazwischen drehte Clark die glänzenden "Another Day in Paradise" und "Bully".<BR><BR>Die Welt der amerikanischen Vorstädte ist sein Schauplatz. Das Leben der Teenager und die Kluft zwischen Kindern und Eltern, Orientierungslosigkeit und Ausgrenzung sind seine Themen. Clark fängt die Verträumtheit der Pubertät genauso ein, wie ihre Leiden und Tristesse. Immer verzichtet er dabei aufs Moralisieren und steht seinen jugendlichen Charakteren jederzeit näher als allen erwachsenen Wertebewahrern.<BR><BR>"Ken Park" will nicht erklären, sondern genau hinsehen - und das ist eine ganze Menge im Gegenwartsfilm. Auch diesmal wird der Zuschauer seine Überraschungen erleben. In Clarks riskantem Kino ist jederzeit alles möglich. Darin erinnert er auch an die letzten Filme Gus Van Sants. Genau das macht den besonderen Reiz und die Qualität seiner Filme aus und "Ken Park" zu einem großen Film. </P><P>(In München: Maxim, Atlantis i. O.)<BR><BR>"Ken Park"<BR>mit James Bullard<BR>Regie: Larry Clark<BR>Hervorragend </P>

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