Ein Lehrstück ohne Humor

- Der Titel ist eine poetische Metapher: "The Wind, that Shakes the Barley" heißt wörtlich übersetzt: "Der Wind, der die Gerste schüttelt". Es ist zwar windig in den irischen Hügeln, doch hier ist noch mehr, noch anderes gemeint: Der Wind, der ist auch das Schicksal; und die Getreidehalme auf dem Feld sind auch die jungen Männer des Landes, die gleich reihenweise hingemäht werden wie die Gerste vom Mähdrescher

Dreizehn Jahre nach "Land & Freedom", seinem berühmten Klassiker über den Spanischen Bürgerkrieg, erzählt der Brite Ken Loach wieder von Ähnlichem: dem britisch-irischen Konflikt in der Phase seiner Radikalisierung während der 20er-Jahre. Dies war, das zeigt Loach eindrucksvoll, eben ein Bürgerkrieg, so wie er es in Nordirland bis heute ist. Und nicht nur Befreiungskampf um die Unabhängigkeit, wie es die Mythen der irischen Geschichts(um)schreibung gern darzustellen versuchen.

Loach zeichnet anfangs das Porträt einiger braver irischer Proletarier, Idealtypen der Arbeiterbewegung mit offenen Gesichtern und sportlichen Körpern vor prächtig grüner irischer Landschaft. Sie sind dermaßen ohne Fehl und Tadel und von so ungebeugtem Heldenmut, dass einem schon früh angst und bange wird um diesen Film.

Loach verschränkt in gewohntem Stil das Private mit dem Politischen und beschreibt die Folgen des Konflikts für die Familien. Im Zuge des Kampfes gegen die britischen Machthaber entzweien sie sich, es kommt schließlich zum offenen Bruderkrieg. Das ist interessant und überaus aktuell, weil Loach am Beispiel dieser junger Iren auch zeigt, wie man Terroristen macht: Sie erleben britische Willkür und Gewalt, und man muss schon blind sein, um bei alldem nicht auch an die Amerikaner im Irak zu denken.

Doch genau diese Versuchung zu gegenwärtigen Analogien ­ zu der sich der Regisseur offen bekennt und die ihm vermutlich im Mai die Goldene Palme von Cannes einbrachten ­ hat ihn offenbar blind gemacht für feinere Unterschiede. In der Regel ist Loach ein nachsichtiger Moralist. Diesmal missversteht er den britisch-irischen Konflikt als Klassenkampf, und seine Anspielungen auf die Gegenwart wirken deplatziert, erst recht aber der emotionale Freispruch für die IRA.

Wenn immer nur böse Briten gute Iren quälen, quält das irgendwann den Zuschauer ­ zu eindimensional und sichtbar ungerecht sind diese Karikaturen. Zumal Loach manche Folterszenen mit naturalistischer Deutlichkeit ausmalt. Solche Schwarzweißmalerei funktioniert im Einzelnen gut, aber in jenem Stil ist der ganze Film gehalten. Politisch in seiner Simplifizierung ärgerlich, ist dies ein Lehrstück ohne Überraschungen, ein Thesenfilm ohne die Verspieltheit, den Humor und die Poesie, die Loachs Werk sonst auszeichnen.

In München: City, Arena, Atlantis i.\x0fO., Cinema i.A.

"The Wind, that Shakes the Barley"

mit Cillian Murphy, Padraic

Delaney, Liam Cunningham

Regie: Ken Loach

Erträglich

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