Lesen und schreiben sollte man können

- "Sonnenallee", Leander Haußmanns filmisches Regiedebüt von 1999, sahen über zwei Millionen Zuschauer. Der gleichnamige Roman, den Drehbuchautor Thomas Brussig dieser Ost-Komödie hinterher schickte, wurde sofort ein Bestseller. Und einen solchen hat sich Haußmann auch für sein zweites Kino-Projekt vorgenommen: "Herr Lehmann", den 2001 erschienenen und hoch gelobten Erstling des "Element of Crime"-Frontmanns Sven Regener. Die Titelfigur ist der kurz vor seinem 30. Geburtstag stehende Frank Lehmann. Ein Oblomow der späten Jahre West-Berlins, der in seinem Kreuzberger Biotop vor sich hintrödelt. Bis zum 9. November - seinem 30., an dem auch die Mauer fällt.

<P>Wann wurden Sie auf den Roman "Herr Lehmann" aufmerksam? Als er in den Bestseller-Listen immer höher stieg?<BR>Haußmann: Manchmal hat man ja Glück im Leben. Ich bin mit Sven Regener seit meiner Abschiedsinszenierung in Bochum befreundet, und wir mochten uns auf Anhieb sehr, obwohl wir völlig unterschiedliche Charaktere sind. Vermutlich, weil wir auch im Sommer ausschließlich lange Hosen tragen und gerne das eine oder andere Bier trinken. Als wir wieder in Berlin waren, haben wir einen regelmäßigen Frühschoppen eingerichtet. Und da erzählte Sven Regener eher nebenbei von seinem Roman. Dann habe ich die ersten 30 Seiten gelesen und fand den Charakter des Herrn Lehmann sehr spannend. Ich habe den, wie man so schrecklich sagt, "innovativen Gehalt" der Figur sofort verstanden.</P><P>Innovativ? Lehmann hängt doch nur 'rum und macht praktisch nichts.<BR>Haußmann: Schon, aber bei genauer Betrachtung steckt sehr viel Identifikationspotenzial in der Figur - für Männer wie auch für Frauen. Herr Lehmann macht nicht nichts. Er schmiedet nur keine großen Pläne und besteht darauf, dass er keinen fixierten Lebensplan hat. Er beharrt auf dem Recht, selbst zu entscheiden, ob er glücklich ist oder nicht. Eigentlich ist er gut für die Gesellschaft, weil er nichts macht, was er nicht kann. Er ist kein Blender. Man muss nicht immer so tun, als ob man das Leben im Griff hat. Wer sagt denn, dass Gymnasium oder Studium wichtig sind? Lesen und schreiben sollte man können. Alles andere findet sich von selbst.</P><P>Sie verteidigen das "Lehmann'sche Prinzip", aber letztlich wird es kritisiert: Er verliert die Frau, die er liebt, er bemerkt die Krise seines Freundes nicht und verpennt den Mauerfall.<BR>Haußmann: Klar rufen wir nicht: Leute, sauft und nehmt Drogen! Der Film ist die ironische und melancholische Betrachtung einer Gruppe Menschen, die einem sympathisch ist, die aber auch eine tiefe Tragik in ihrem Leben hat. Letztlich ist der Film nicht nur lustig, sondern auch eine Tragödie.</P><P>Wie kamen Sie auf Christian Ulmen, den man von seiner MTV-Sendung als ganz anderen Typ kennt?<BR>Haußmann: Es war schnell klar, dass es schwierig sein wird, einen "Herrn Lehmann" zu finden. Denn der muss universell sein und in alle Richtungen strahlen. Andererseits darf es auch keiner sein, den man schon oft genug gesehen hat. Christian Ulmen kennt man noch nicht als Schauspieler. Und ich finde, er besitzt ein großes darstellerisches Potenzial. Wie alle unsere so genannten Comedy-Stars ja in Wirklichkeit auch exzellente Schauspieler sind. Das will nur niemand wahrhaben, weil sich alle gerne an diese Trennung zwischen Ernst und Unterhaltung halten. Tragödie auf der Bühne oder Gags im Fernsehen - gegen dieses eindimensionale Denken kämpfe ich seit Jahren. Mein Vorbild ist da immer Shakespeare. Der hat schließlich auch beides gekonnt: E und U.</P><P>Das Gespräch führte Ulrike Frick</P>

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